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Wo Phönix aus der Asche steigt

Weil Ayurveda in Europa boomt, bieten immer mehr Kliniken in Sri Lanka die 5000 Jahre alte Volksmedizin aus dem Osten unververfälscht und preiswert für gestreßte Europäer an.

Kerstin taucht noch einmal in das Meer der Hibiskus- und Aralienblüten im Pool und sagt mit einem seligen Lächeln: "Ich fühle mich wie neugeboren". Eigentlich wollte die 25jährige Zahnarzthelferin aus Zürich in Sri Lanka nur ein wenig Streß abbauen und sich faul an Traumstränden fläzen. Und jetzt dieser Kick in Richtung Selbstfindung. "Die Ayurveda-Kur bringen jeden auf den Punkt", sagt Kerstin.

Eine Gruppe von Elefanten treibt am schneeweißen Palmenstrand ihre Wasserspiele. Vom indischen Ozean her weht ein schwüler Wind. Ein singhalesischer Boy bringt ein Tablett mit der täglichen Kräutersaft- und Pillenration. Kerstin schwört nach drei Wochen auf die Naturheilmittel, deren Namen so exotisch klingen wie die tropischen Pflanzen rundum leuchten. Arishta nennen sie die geheimnisvollen Kräuterextrakte und Iramusu, Ranavara oder Mukunuwenna. Nicht nur für eine Pfirsichhaut sollen sie sorgen, sondern für immerwährende Gesundheit. Wohl deshalb sagt der Boy immer artig "Ayu bowan", "ich wünsche ein langes Leben".

Steif wie ein Holzbrett war Kerstins Rücken, als sie nach Sri Lanka kam, jetzt sind die Schlacken an der Wirbelsäule weg. Die beiden Therapeuten kommen bei der täglichen synchronen Ganzkörpermassage immer tiefer unter die Haut. Es scheint, als ob ein Zwei-Mann-Orchester in einem exakt einstudierten Rhythmus auf einem Instrument aus Fleisch spielt. Wie ein öliger Rollbraten liegt Kerstin da. Die Poren der Haut sind weit geöffnet, und das speziell auf sie abgestimmte Kräuteröl kann tief eindringen. Anschließend geht es ins Kräuterdampfbad, wo die zuvor gelockerten Giftstoffe ausgeschwitzt werden. "Das sind", haucht Kerstin abgedriftet, "Streicheleinheiten für die Seele."

Ist das der Garten Eden? Jedenfalls strahlen die Gesichter der Menschen an diesem paradiesischen Ort eine beneidenswerte Gelassenheit aus. Nicht mal die Moskitos, die mit der Abenddämmerung einschwirren, sind ein Grund zum Ärgernis. Der Name Club Paradise für das "Sri Budhasa"-Kurzentrum hier im Südwesten Sri Lankas könnte besser nicht gewählt sein. Das Bungalowhotel am kilometerlangen schneeweißen Strand ist eines unter den Juwelen der Ayurveda-Kliniken, die auf der tropischen Insel an der Südspitze Indiens wie Pilze aus dem Boden schießen.

Die uralten Heiltraditionen ohne Chemie und Spritzen werden in ihrem Ursprungsland jetzt luxuriös verpackt, abgestimmt auf die Menschen im fernen Europa. Während sich dort nur zahlungskräftige Prominente und Manager eine Kur in einer Ayurveda-Klinik leisten können, ist der originalgetreue Königsweg zur Gesundheit in Sri Lanka auch für weniger Betuchte erschwinglich. Eine Kurwoche im Barberyn Reef Hotel in Beruwela ist beispielsweise schon für wenige Hundert Euro zu haben. Der exklusive Club Paradise kostet da schon einiges mehr. Die Clipper nach Colombo sind voll von körperlich und seelisch Angeschlagenen, die sich reif für die Tropeninsel fühlen.

Die Einheimischen, die trotz ihrer Betriebsamkeit so beneidenswert gelassen wirken, haben sich auf die Wünsche und Probleme der Fremdlinge aus Europa längst eingestellt." Die Mitteleuropäer", sagt Dr. Cooray Vidyashekhara "haben oft mentale Schwierigkeiten, die den Körper krank machen. Viele reagieren nur noch, statt zu agieren, sind in belastenden Familienstrukturen verhaftet und durch die Zivilisation sich selbst fremd geworden". Der feingliedrige Mann schließt die dunkelbraunen Augen und mißt mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger den Puls eines Neuankömmlings. Die Kuppen tanzen elegant über das Handgelenk.

"Die Musik in den Adern sagt mir, was mit der Leber los ist, ob die Niere zu wenig arbeitet, wie es mit der Blase steht", meint der Naturarzt mit einem leisen Lächeln. Nicht nur das - in Sekundenschnelle rattert er nur anhand der Pulsdiagnose die gesamte Krankheitsgeschichte eines neuen Patienten herunter. Als ob er sie von einem Blatt Papier ablesen würde. Im Naturheilverfahren des Ostens werden nicht wie in der herkömmlichen Schulmedizin die Symptome einer Krankheit bekämpft, sondern die Ursachen. "Krankheit ist nichts anderes als eine Blockade in der inneren Kommunikation".

Ayurveda (Sanskrit: "Wissen vom Leben") lehrt, daß im Körper des Menschen drei Bioenergien zu unterschiedlichen Teilen wirken: Vata, Pitta und Kapha. "Sie bestimmen die individuelle Konstitution", sagt der Arzt. Sind diese Kräfte gestört, kommt es zu Krankheiten. Das Vata-Prinzip steuert die Bewegungsabläufe, Pitta den Stoffwechsel, und Kapha ist für die Struktur des Körpers verantwortlich. Um ihr Gleichgewicht wiederzufinden, machen die Patienten im "Sri Budhasa" eine Entgiftungskur - genannt Panchakarma - mit Darmreinigung, Ganzkörper-Synchronmassagen, speziellen Kräuter- und Dampfbädern, Akupunktur, einer individuellen Diät, Yoga sowie Meditation. Sinn der sanften Kur ist das Binden und Ausscheiden von Giftstoffen, die sich im Körper aufgrund äußerer Einflüsse wie Streß, schlechter Ernährung und falscher Einstellung gebildet haben.

Bei den abendlichen Tischgesprächen sind die magischen Fähigkeiten des Arztes das Hauptthema. Die Logopädin, die knapp vor der Erblindung stand, kann nach zweiwöchiger Kur jetzt wieder ohne Brille lesen. Eine feine Dame mit spitzem Näschen dafür umso breiteren Hüften jubiliert über die sieben Kilo, die sie in wenigen Tagen verloren hat. Eine 32jährige Soziologin, die seit zwölf Jahren mit Polyarthritis im Rollstuhl saß, taucht nach zehn Tagen mit Krücken beim Abendessen auf. Feinste indische Gourmetküche mit mehr als 60 Kräutern drin wird angeboten: Basmatireis, Dahl, rote Beete, Spinat, Gurken, Papayas. Bei solchem Curry-Essen ist es ein leichtes, Vegetarier zu werden.

Die altindische Volksmedizin ist inzwischen so begehrt, daß in manchen Hotels Interessierte in der Hochsaison zwischen November und Januar bisweilen drei Tage auf einen Massagetermin warten müssen. Kein Wunder - wer einmal Shirodara, den Stirnguß mit 37 Grad warmen Kräuteröl genossen hat, möchte mehr davon. "Ich fühle mich wie ein neuer Mensch", schwärmt Jana, die Werbefachfrau. Ein Therapeut läßt im blühenden Kräutergarten des Clubs den Ölstrahl unendlich langsam über die Stirn der zarten Blondine gleiten, als wolle er die Sorgenfalten ausbügeln. Die linke und rechte Gehirnhälfte - die eine steht für das Ego, den Verstand, die andere für Intuition und Gefühl - wird in Übereinstimmung gebracht. "Der Alltagslärm im Kopf verschwindet", sagt Jana. Sie sinkt in eine tiefe Ruhe, während der Geist voll wach bleibt.

In diesem für den westlichen Zivilisationsmenschen neuen Bewußtseinszustand können alte Verhaltensmuster und ungesunde Prägungen aus der Kindheit losgelassen werden. Der Aha-Effekt in der Selbstfindung ist so stark, daß viele noch im Kururlaub zuhause anstehende Probleme lösen. Der immer adrett gekleidete Andy, ein 36jähriger Fotograf kündigt seine Beziehung per Telefonanruf ("hab´ keine Lust mehr, mich zu verbiegen"). Er beschäftigt sich plötzlich mit der Lehre Buddhas, wonach der Mensch sich aus eigener Kraft vom Leid befreien kann. "Alle meine Sinne", sagt Andy, "sind wieder geschärft." Die Regenerationskur an der Küste wirkt bei den abgestumpften Touristen wie ein Wecker. "Mir ist plötzlich klar geworden", erzählt ein Spitzenmanager, der seinen Namen nicht genannt haben möchte, "daß ich bisher blind durchs Leben gerauscht bin". Während er ankündigt, sein Leben radikal verändern zu wollen, steckt er sich übermütig eine Blume in sein Kopftuch, das er nach dem Stirnguß drei Tage tragen muß.

"Durch das Einschwingen auf ihre ureigenste Natur werfen die Patienten jede Menge aufgestauten psychischen Ballast ab", meint Ayurveda-Doktor Henry Peiris. Bei ihm landen Pauschalreisende, die allein Sonne, Strand, Meer und üppige Büfetts gebucht zu haben glaubten, unversehens in einem Läuterungsprozeß. Stolz zeigt Peiris auf einen Stapel von Dankesschreiben aus Deutschland. Das ganzheitliche Naturheilverfahren schlägt vor allem bei chronisch Leidenden an. Ein Beamter schreibt, seine jahrelangen Durchblutungsstörungen in den Beinen seien verschwunden. Der Sportlehrer, der vor lauter Rückenschmerzen nicht mehr aufrecht gehen konnte, übt wieder den aufrechten Gang.

Vor der Wiedergeburt steht fast immer die Krise. Drei bis vier Tage dauern die von Depression oder Aggression bestimmten Phasen in der Regel. "In der zweiten Kurphase", sagt der buddhistische Mönch Kosgoda Subhuti, "kommt jahrzehntelang Verdrängtes an die Oberfläche". Der Mittdreißiger ist so etwas wie der spirituelle Feuerwehrmann der erlösungswilligen Europäer im südwestlichen Sri Lanka. Mit samtweichen gesprochenen englischen Worten weist der Kahlgeschorene die durch die Tiefenmassagen vom Schutzpanzer Befreiten in Atem- und Lichtmeditation ein. Wird der Krach im Kopf leiser, ist die innere Stimme plötzlich wieder zu vernehmen. "Stellt euch vor", sagt Subhuti in die Runde und weist dabei auf eine Kerze, "wie diese Flamme langsam durch euren Körper wandert und euch von Innen heraus zum Strahlen bringt."

Wer auf der Suche nach seinem Kern auf den rein spirituellen Weg den absoluten Kick sucht, ist im Hotel "Kalavathie" nahe der Edelsteinstadt Ratnapura goldrichtig. Im Stil einer kleinen Klosteranlage liegt es zwischen Reisfeldern und Plantagen in einem betörend duftenden, vier Hektar großen tropischen Garten. Der mystisch-verträumte Ort scheint einem altindischen Märchen entsprungen. Die Wege sind gesäumt von Buddha-Statuen, großen Kristallen und Metallelefanten In der ersten Ayurveda-Herberge der Insel dauern Kräuterbäder bis zu drei Stunden. "Da hast das Gefühl, völlig im Rhythmus der Natur aufzugehen", seufzt Verena wohlig. Sie scheint die Musik des Urwaldes mit allen Sinnen aufzusaugen, während sie unbeweglich in einer braunen Brühe liegt, die aus tropischem Gehölz gebraut wurde.

Für die Freiburger Ärztin ist der Streß zuhause soweit weg wie der Mars. Dabei war sie vor vier Wochen als Nervenbündel mit einem chronischen Stirnhöhlenkatarrh hier gelandet. Schon nach den ersten Mantra-Meditationen, und Inhalationen des Rauchs von Koriander und Zitronenbaumblättern begann die Entspannung. Zwischen Oleander, Klematis und Papayabäumen studierte sie das Heilen mit Edelsteinen.

Die Medizinerin sieht den ganzheitlichen Ansatz des Ayurveda inzwischen als notwendige Ergänzung zur westlichen Heilkunde. Zuhause in ihrer Praxis will sie einen Spruch Buddhas an die Wand hängen: "Wir sind, was wir denken". Alles Übel, sagt Verena, "entsteht zuerst in unserem Kopf". Beim Abschied schreibt sie in das Gästebuch: "Der Teufel, der mich gequält, ist nun mein bester Freund".


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