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“Aussteigen” für den Neueinstieg

 Ganzheitliche Gesundheit wird zum Mega-Trend – Wellness-Oasen bieten frische Lebensrezepte mit Langzeitwirkung

Wellness ist tot, es lebe die Wellness – der zur Worthülse gewordene Begriff für blosses Wohlbefinden und Geschäftemacherei der Tourismus-Industrie kommt mit neuem Inhalt: Immer mehr Hotels bieten ganzheitliche Gesundheits-Urlaube zum Batterieaufladen an, die dieses Prädikat auch verdienen. Auf den verordneten neuen Lebensrezepten mit Langzeitwirkung sollen künftig nicht nur Fitneß, Krankheitsvorbeugung und Verwöhn-Massagen stehen, sondern auch Programme zur geistigen und emotionalen Entschlackung. Das Ziel heißt Streßabbau und innere Erfüllung.

“Es ist ein Gefühl”; sagt Werner Stieb mit verklärtem Blick, während er aus dem 35 Grad warmen Therapiebecken steigt, “als ob du schwerelos im Universum schwebst.” Nach der einstündigen Aqua-Wellness-Massage mit Urerfahrungen schlüpft der sonst so gestresste Kölner Manager entspannt in seinen Bademantel um sich einer Meditation hinzugeben.
So wie der 55jährige suchen immer mehr vom Arbeitsalltag genervte Büroarbeiter, erschöpfte Erfolgsmenschen und bewegungsarme Senioren im Wellness-Tempel des luxuriösen Hotels Erzherzog Johann im steiermärkischen Bad Aussee nach ganzheitlicher Regeneration.

Beim Wiederaufladen der ermatteten Körperenergien sind dabei sinnliche ayurvedische Ölbehandlungen oder die exotische “Hawaiian Body Flow Massage” nur das Sahnehäubchen auf einem alternativen Gesundheitsprogramm, das unter dem Sehnsucht erweckenden Markennamen “Aussteigen” firmiert.

Das Anti-Streß-Paket fürs Aussteigen, um als neuer Mensch wieder einsteigen zu können, ist ein Mix aus Gesundheits-Check, Fitneß-, Dehn- und Muskeltraining, Lach-Therapie, Klärung von verkrusteten geistig-emotionalen Lebensmustern, exklusiven Verwöhn-Massagen, Krankheitsvorbeugung sowie einer individuellen Ernährungs-, Vitamin-, Beauty- und Image-Beratung.

Das aufwendige “Aussteiger”-Programm aus dem Salzkammergut steht für eine Entwicklung in der Wellness-Branche hin zu Gesundheits-Urlauben, die das Prädikat “ganzheitlich” auch wirklich verdienen. “Der Trend”, meint denn auch die Sprecherin der “Europäischen Wellness Union” (EWU), Gisela Malich, “geht eindeutig in diese Richtung”.

Mehr und mehr Menschen spürten, so Frau Malich, angesichts ihres hektischen Alltags die Sehnsucht nach innerer Erfüllung und Harmonie. “Zur Gesundheit”, sagt die Wellness-Expertin mit Nachdruck, “gehört auch das Erlernen des Umgangs mit sich selbst und anderen und mit Gefühlen wie Angst, Trauer, Wut und Scham. Das Unterdrücken solcher Emotionen kostet uns mehr Energie als die negativen Belastungen der Umwelt. Deshalb ist ein wahrer Gesundheits-Urlaub weit mehr als ein bißchen Sport und einige Massagen”.

Die Anti-Streß-Botschaft liegt voll im Trend: Überall in deutschen Landen entstehen Oasen der Gesundheit, die den verstärkt an Zivilisationsbeschwerden leidenden urbanen Menschen wieder in die eigene Mitte führen wollen.

Heute gilt mehr denn je der Ausspruch des "Wasserpfarrers" Sebastian Kneipp von vor mehr als 100 Jahren: “Nichts ist schädlicher für die Gesundheit, als die Lebensweise unserer Tage. Es muß ein Ausgleich gefunden werden, um die überanstrengten Nerven zu stärken." Inzwischen leidet jeder Vierte über 40 an zu hohem Blutdruck, endet jedes zweite Leben mit einem Kreislaufversagen, füllen sich die Arztpraxen mit Krebspatienten und chronisch an Gelenken Erkrankten.

Die alte “Wellness”-Bewegung konnte dem in den letzten Jahren nicht viel entgegensetzen. Der Begriff wurde vielmehr zur Worthülse für alles, was Wohl fühlen, Luxuriösem und einem damit verbundenen Lebensstil entspricht. Heute könnte das englische Wort unter neuen Vorzeichen zur Zauberformel werden, die das düstere Bild des menschlichen Daseins wieder aufhellen soll.

Von A wie Ayurveda bis Z wie Zen oder “Zeit für sich haben” reicht die Palette der Wellness-Anbieter. “Vorbeugen ist besser als Heilen” heißt die neue, alte Devise, die sich angesichts der immer deutlicher werdenden Grenzen der Schulmedizin und der Krankenkassenleistungen wieder aktueller Beliebtheit erfreut.

Dabei sind alternative Gesundheitsangebote wie Fastenkuren, Darmreinigungen, Fitneß-Wochen, Cardiotrainings, Thalassokuren, die Traditionelle Chinesische Medizin, vegetarische Kochlehrgänge, Yoga- sowie Meditationskurse gefragt wie nie zuvor.

Ein neues Bewußtsein macht sich breit, daß Fitneß und Gesundheit mehr beinhaltet als gute Körperfunktionen und immer deutlicher wird auch, daß Fun- und Fitneß-Kulte wie Bungee Jumping oder Überlebenstrainings nur zu gefühlsmäßigen Kicks verhelfen, die meist genauso schnell abebben wie sie gekommen sind.

“All die überbordenden Wellness-Angebote machen letztendlich nur dann Sinn”, meint die Berliner Psychotherapeutin und Lach-Trainerin Mia von Waldenfels, “wenn sie auch das tagtägliche Leben harmonisieren können.” Die beste Ayurveda-Kur nütze nichts, wenn man nach der Rückkehr vom Gesundheitsurlaub nicht als neuer Mensch in den Alltag gehe.

Ähnlich sieht es auch EWU-Sprecherin Malich: Von den 500 “Wellness”-Hotels in Deutschland verdienen ihrer Ansicht nach bislang nur wenige dieses Prädikat. Mit dem Beinamen schmücken darf sich den Kriterien der Europäischen Wellness Union zufolge nur dann ein Anbieter, wenn er seinen Gästen “dauerhaft nachvollziehbare Anregungen und Anleitungen zur eigenständigen Befindenssteuerung und selbstgestalteten Gesundheitskultur vermitteln” kann. Im Vorzeige-Gesundheitshotel “Erzherzog Johann” beispielsweise erhalten die Seminarteilnehmer sowohl individuell zugeschnittene Fitneß- und Ernährungspläne als auch praktische Hinweise zur Klärung von festsitzenden, psychologischen Eigensabotagemustern. Europas führende Image- und Kommunikationstrainerin Aisha Rokovsky sorgt als Abrundung des neuen Lebenskunst-Programms für ein typgerechtes Äusseres: Von der Kleidung über Frisur, Makeup und Gang bis zum selbstbewußten Auftreten soll alles stimmen.   

Neben diesen Impulsen für eine ganzheitliche Lebensrezeptur mit Langzeitwirkung soll eine wirkliche Wellness-Oase vor allem auch mit erfahrenen und gut ausgebildeten Trainern und Therapeuten aufwarten können. “Ohne eine hohe Qualität der Mitarbeiter”, meint denn auch Gisela Malich, “bringen auch ein noch so exklusiver Pool und güldene Kronleuchter nicht viel.”

Zukunftsforscher und Wirtschaftsexperten sehen den gestreßten Zivilisationsmenschen auf den Weg in die Wellness-Gesellschaft. “Im Weltmarkt für ganzheitliche Gesundheit", meint beispielsweise Leo Nefiodow, “liegen die größten Wachstumschancen." Der Zukunftsforscher am GMD-Forschungszentrum für Informationstechnik in St.Augustin bei Bonn ist überzeugt, daß die umfassende Verbesserung der Gesundheit weltweit bald der Wirtschaftsfaktor Nummer eins sein wird. Diese Branche würde nach dem Boom des Informationszeitalters als nächstes explodieren.

In diesem neuen Zyklus sieht Nefiodow zwei Schwerpunkte: Ein Wirtschaftszweig werde sich mit der Reparatur von Umwelt- und Gesundheitsschäden befassen. Ein zweiter Sektor werde daran arbeiten, das bisher kaum erschlossene Potential der menschlichen Seele zu nutzen. “Zum ersten Mal in der Geschichte”, so meint Nefiodow, “rückt der ganze Mensch mit seinen seelischen und sozialen Bedürfnissen ins Zentrum des Wirtschaftsgeschehens.”

Auch die bekannte amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn erkennt in der eigenverantwortlichen Gesundheitsvorsorge den Mega-Trend der Zukunft: “Wir können noch viel mehr tun, um bei unserer Gesundheit das Heft wieder selbst in die Hand zu nehmen und den Ärzten die Kontrolle zu entreißen”.

Manager Werner Stieb freut sich im “Erzherzog Johann” inzwischen auf den nächsten Wohlfühl-Höhepunkt: eine Craniosakral-Behandlung, bei der noch vorhandene energetische Blockaden und Verspannungen mittels sanften Handauflegens aufgelöst werden sollen. “Langsam fange ich an “ sagt Stieb, “mich und meinen Körper wieder wahrzunehmen.”

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