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Der Duft, aus dem die Träume sind

Im Weihrauchland Oman wird das teuerste Parfum der Welt hergestellt
Von Ingomar Schwelz


Einst brachten die Heiligen Drei Könige es dem Christuskind als Geschenk. Im Sultanat Oman ist der Weihrauch nach wie vor ein Allheilmittel und die Grundessenz für Amouage - das teuerste Parfum der Welt. Frankreichs Superspürnase Guy Robert brauchte mehr als ein Jahr und über 75 Experimente um den betörenden Duft zu kreieren.

„Auch Kleopatra und Königin von Saba“, sagt Robert „hätten sich in diesen Duft verliebt.“ Dabei zeigt er auf einen 200 Litertank, in dem aus Weihrauch und feinsten Ingredienzien Amouage gemixt wird. In der Fabrik am Rande der omanischen Hauptstadt Muskat riecht es wie in einer Kirche während eines Hochamtes. „Ich kann davon gar nicht genug bekommen“, sagt Guy Robert und zieht den Geruch konzentriert durch seine Nase ein.

Im Tank brodelt die Mischung seines Parfumkonzentrats zusammen mit 96prozentigem Äthanol bei einer Temperatur von 15 Grad Celsius rund eine dreiviertel Stunde. Hier beginnt die Produktion von Amouage. Von Tank zu Tank wird der edle Saft aus den feinsten Essenzen der Welt schließlich innerhalb von zwei Monaten auf Null Grad abgekühlt. Anschließend wird er durch eine Filtermaschine getrieben und weitere 24 Stunden bei einer Temperatur von 20 Grad gehalten.

An den Abfüllstutzen stehen zwei Omanis, die das aus hauchdünnen Stahlrohren fließende Parfum und das Eau de Toilette in kostbarste Flacons aus vergoldetem Silber und Kristall gießen. Nur drei Liter werden täglich in rund 500 Behälter abgefüllt. Elf Frauen verpacken das noble Parfum stilgerecht. Eine 50 Milliliter-Flasche kostet mehr als 800 Euro.

Nach dem Erdöl ist der Duft aus Tausendundeiner Nacht der Exportartikel des Landes schlechthin. Amouage - übersetzt heißt es „Wellen der Emotion“. Im Unterton schwingt das Wort Liebe mit. Die exklusive Mixtur des französischen Parfumiers Robert hat die alte Tradition der Parfumproduktion in Arabien wieder aufleben lassen.

Sultan Qabus, der sanfte Diktator des Landes von der Größe der alten Bundesrepublik und der Einwohnerzahl Hamburgs, beauftragte Robert mit der Kreation des Luxusduftes. Für den Franzosen wurde ein Traum wahr.

„Ein Traum, in dem du frei bist, mit allen Essenzen experimentieren zu dürfen, ohne nach dem Geld sehen zu müssen“. Er nennt Amouage „meine Symphonie und krönende Lebensarbeit“. Sein Ziel war es, den unverwechselbaren Duft des Maiglöckchens einzufangen, aus dem kein natürliches Extrakt gewonnen werden kann.

Das blumig-fruchtige Parfum erhielt beim weltweiten Wettbewerb der Luxusduftnoten in Cannes den Preis „Star-Produkt des Jahres“. Kernsubstanz ist der Weihrauch aus der Dhofar-Region im Süden des Omans, der zusammen mit Myrrhe, vier verschiedenen Sorten von Rosenöl, dem Duft von Jasmin, Lilien, Pfirsich, Aprikosen, Apfel, Patschouli und Sandelholz dem Produkt seinen unverwechselbaren Charakter gibt.

Beduinen wie Amer und Mohammed sorgen für den Weihrauch-Nachschub.
Seit Stunden sind sie schon in der Wüste vor Salalah an der Grenze zwischen dem Sultanat Oman und dem Jemen mit dem Ernten von Weihrauchknollen beschäftigt. Von den Rinden der unterschiedlich hohen, verkrüppelt aussehenden Weihrauchbäumchen zupfen sie die Knollen und werfen sie in einen Korb aus geflochtenen Palmenblättern. Sechs Körbe sind schon gefüllt. Jetzt schmerzt der Rücken und die Sonne brennt unbarmherzig auf die Köpfe.

Amer und Mohammed gehören zum Beduinenstamm Bait Kathir, der seit vielen Generationen das Sammelrecht für die Knollen hat. Hier im Süden des Omans wird der beste Weihrauch der Welt produziert. Die Lese, die im Winter beginnt und mit dem Einsetzen des Südwestmonsuns im Juli endet, ist heute wie vor tausenden Jahren ein heiliges Ritual. „Wir sind stolz darauf, daß unser Weihrauch für Amouage verwendet wird“, sagt Amer.

Der göttliche Duft, der Orient und Okzident verbindet, gehört in Arabien zum Leben wie das traditionelle Freitagsgebet. Selbst die“Ungläubigen“ im fernen Vatikan verwenden nicht nur den üblichen synthetischen Weihrauch sondern auch die rötlich-braunen, außen meist weiß bestäubten Gummiharzkörner des Weihrauchstraußes Boswellia aus dem Dhofar.

Um der mörderischen Hitze möglichst zu entgehen, beginnt die mühevolle Ernte schon am frühen Morgen. Die Beduinen entfernen zuerst mit kleinen Messern die Rinde der Bäumchen, um den Gummiharz heraustreten zu lassen.
Erst nachdem dieser sich Wochen später tropfenförmig verfestigt hat, wird mit der Lese des „weißen Goldes“ begonnen. Während der Arbeit stimmen die Sammler immer wieder in einen gutturalen, monotonen Singsang ein, der die Mühsal des Pflückens lindern helfen soll.

„Auch heute noch“, sagt Mohammed, „freuen wir uns über das Privileg der Weihrauchlese, wenngleich der Handel nicht mehr soviel einbringt wie in alten Zeiten“. Während die Knollen früher beinahe unbezahlbar waren, kostet ein Kilogramm heute auf dem Markt von Salalah umgerechnet nur noch vierzehn bis zwanzig Mark. Doch längst hat das Erdöl den Oman und seine Bewohner reich gemacht und so müssen die Beduinen nicht mehr so hart arbeiten wie einst: Sie haben sich kurzerhand Somalier als Gastarbeiter geholt, die Ihnen einen Großteil der Plackerei abnehmen.

Früher verließen der Geschichtsschreibung nach mehrere tausend
Tonnen des begehrten Harzes jährlich das Land über die Karawanenstraßen Richtung Norden und den Seeweg. Heute sind es noch vierzig Tonnen, die jährlich exportiert werden. Von Salalah aus, so sagen die Beduinen, seien vor 2000 Jahren schon die Heiligen Drei Könige aufgebrochen, um dem Christuskind Weihrauch, Myrrhe und Gold zu bringen.

Bereits die ägyptischen Könige benutzen vor drei bis vier Tausend Jahren den Weihrauch. So wurde er zur Einbalsamierung des Leichnams von Pharao Tutanchamun verwendet. Er kam über die sogenannte Weihrauchstraße, jenem tausend Kilometer langen Handelsweg durch unwirtlichste Landschaften, vom Dhofar über das heutige Jemen, Petra und Ghasa nach Alexandrien.

Die silbrigen Knollen waren so kostbar, daß Alexander der Große Arabien besetzen wollte, um die Produktion in seine Hand zu bekommen. Der Eroberer starb, bevor er seinen Plan umsetzen konnte. Der legendären Königin von Saba, die in Ubar nahe Salalah geherrscht haben soll, wird nachgesagt, ebenso auf den Duft versessen gewesen zu sein wie der römische Kaiser Nero: Dieser ließ zur Beisetzung seiner Frau Poppea die ganze Jahresernte Arabiens verbrennen.

Heute kristallisiert sich der ganze Reichtum des göttlichen Duftes in Amouage.
Sein auch für die Fachwelt letztlich unergründliches Mysterium wird in der Produktionsstätte am Rande von Muskat streng gehütet. Fremde kommen gerade mal vor das Fabriktor, wo auf grünem Untergrund die goldenen Buchstaben für das arabische Wort für Amouage zu lesen sind, die auch als Symbol für das Parfum verwendet werden.

Drinnen drückt die kleine Khadija aus Muskat Sprühvorrichtungen in die Fläschchen und schraubt die einer Moscheekuppel nachempfundenen Verschlüsse aus reinem Gold fest. Beim Männerparfum sind sie geformt wie der Griff des Khanjars, des Krummdolchs, der zusammen mit zwei Säbeln das königliche Wappen des Landes bildet. Khadija erzählt, daß das Edelmetall für die im Londoner Hause Aspreys kreierten Designs aus Taiwan kommt.

Das vormals verwandte französische Gold sei nicht einmal mehr vom Sultan zu bezahlen. Dabei gilt dieser als einer der reichsten Männer der Welt. Qabus ist selbst der beste Kunde des Hauses. Khadija zeigt auf das exklusivste Stück im ganzen Raum, einen 330 Gramm schweren Flacon aus Gold für die königliche Familie, verarbeitet mit schwarzem Onyx für umgerechnet 20.000 Euro. Die Flacons zum exklusivsten Duft der Welt werden in einer Kristallschleiferei in der Normandie gefertigt. Das bei 550 Grad Celsius gebrannte Kristall gibt den Fläschchen den Glanz und die Härte von Juwelen.

Der Geruch nach Weihrauch ist angenehm. Aber es fällt dennoch schwer zu begreifen, warum gerade dieses Aroma in so vielen antiken, altorientalischen Kulten und Mysterien sowie im römisch-byzantinischen Hofzeremoniell und in der christlichen Liturgie gleichermaßen Anklang fand. Beinahe alle Religionsgemeinschaften glauben, mit dem Weihrauch die Götter besänftigen zu können. „Ohne den Duft läuft nichts“, sagt die kleine Khadija.
Wie sie parfümieren alle Omanis ihre Kleider mit dem Duft, nehmen die kleinen Knollen zusammen mit Wasser als Medizin gegen die verschiedensten Wehwehchen und lassen sich von dem betörenden Duft in eine Art Dauerrausch versetzen. „Allheilmittel und Droge in einem“, sagt Khadija lächelnd bei sich zuhause, während sie die Körner auf einen kleinen schwelenden Holzkessel legt. Spiralenförmig steigt der milchige Rauch zur Decke. Das Herz schlägt höher und doch entspannen sich die Muskeln.

Für die omanischen Frauen sind die Knöllchen auch das Grundprodukt ihrer Naturkosmetik. Sie mixen den durch das Verbrennen des Harzes entstandenen Ruß mit Mascara, Myrrhe, parfümierten Ölen und Rosenessenzen, um ihrem Heim diesen einzigartigen exotischen Duft aus Tausendundeiner Nacht zu geben. Sie schwärzen die Augenlider mit dem Weihrauchruß, damit ihre dunklen Augen noch stärker zur Geltung kommen.
Die wenigen Touristen decken sich in den Souks des Landes ein und schwelgen auch im Geruch des Sandelholzes und aller möglichen anderen arabischen Duftnoten. Drei Tage lang werde die Kleidung noch nach dem Weihrauch riechen, verspricht ein Händler. Die einheimischen Frauen sind so erpicht auf den Duft, daß sie sich zuhause die schwelenden Holzkohlekesselchen sogar unter ihre wallenden Gewänder stellen. Khadija weiß warum: “Ein guter Geruch ist in Arabien das Wichtigste überhaupt“.So sehen es auch immer mehr deutsche Parfumerien, die Amouage ordern. Lange war der Stoff nur über das Flaggschiff der britischen Kaufhäuser, Harrods, zu beziehen.

„An Exquisites“, sagt Spürnase Robert, „kommt man halt nicht so leicht ran.“

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