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Management by Manitou

Wie Weltkonzerne ihren Mitarbeitern mit indianischen Ritualen neuen Teamgeist einhauchen - In der Ratssitzung gibt es Konsens statt Krawall


Es ist Zeremonien-Zeit im ehrwürdigen Charles-Hotel in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts: Auf dem Boden des großen Konferenzraumes bilden Steine, Blumen und Kerzen ein indianisches Medizinrad. Acht bunte Schilde zeigen die Richtungen der Windrose an. Sanft wiegen sich gewebte Tücher im flackernden Kerzenschein von der Decke, die dem Raum die Form eines Tipis geben.

Keine  Häuptlinge treffen sich hier um die Friedenspfeife kreisen zu lassen, sondern die Creme de la Creme von Weltkonzernen - Manager von General Motors, des Telekommunikationsriesen AT&T, der Weltbank oder von McKinsey &Co. wollen in der uralten  Zeremonie der indianischen Ratssitzung lernen, wie rein gewinnorientierte Moneymaker zu Teamspielern werden. Statt duellierender Egos und dem Sprechen ohne zuzuhören, diesen Gebräuchen des modernen Business, gilt es die Meinungen anderer gelten lassen und sie zu respektieren.

In einer Zeit, in der jeder mit jedem kooperiert und die Welt ein globales Dorf ist, wird der Einzelkämpfer im Unternehmen zum Störfall. Mitgefühl statt Ellenbogen, Gemeinschaftsgeist statt Egokult und Zukunftsvisionen statt Pessimismus heissen die neuen Tugenden in den sich rund um die Welt vernetzenden Firmen. Um die alten Grundwerte wieder lebendig werden zu lassen, verwenden immer mehr Unternehmen uralte indianische Rituale für Problemlösungen und Entscheidungsfindungen.  

"Die Weisheit der Erde", so umschreibt Rainbow Hawk den Prozess, "macht Hochzeit mit der modernen, technologischen Wirtschaftswelt". RainbowHawk ist Kalifornier mit indianischen und keltischen Vorfahren. Das Blut der Delaware fließt in den Adern des 76jährigen, der wie eine Eiche dasteht und die Souveränitat eines in sich ruhenden Lehrers ausstrahlt. Zusammen mit seiner Frau WindEagle, die ihre Wurzeln im Stamm der Mohikaner hat, leitet er das Ehama-Institut in den Bergen oberhalb von Los Gatos in Kalifornien.

Auf die beiden Halbbluts hört inzwischen ein grosser Teil des immer nach neuen Anregungen suchenden US-Managements und auch in Deutschland schwören immer mehr Firmen auf das Management by Manitou.  Rainbow Hawk und Wind Eagle lehren die  Zeremonien ihrer Vorväter, die in den Stämmen von Mund zu Mund über die Generationen hinweg weitergegeben wurden. "Das traditionelle Wissen, daß jeder in der Gemeinschaft seinen Teil zur Evolution beitragen muß, daß Solidarität und Zusammenarbeit über Ego-Ansprüchen stehen, hatten nicht nur unsere Ahnen, das ist jahrtausende altes Kulturgut jeden Volkes", sagt RainbowHawk. Das Werkzeug des achteckigen Medizinrades zur Problemlösung, Entscheidungshilfe und spirituellen Weiterentwicklung des Einzelnen sei "tief in der Seele der Menschen eingraviert".

Jetzt scheint die Zeit reif, sich an das lange geheim gehaltene Erbe zu erinnern. Im Konferenzraum des Charles-Hotels proben die Konzernchefs am Boden sitzend schon mal das Management by Manitou. Jeder spricht mit dem Sprechstab in der Hand aus der Perspektive einer der acht Kompassrichtungen - unterbrechen verboten! Am Beginn der Rede nennt jeder Namen und Position im Rad, am Ende kommt der Satz: "Ich habe gesprochen". Die Gruppe antwortet mit: "Hugh". Die Bedeutung ist: "Wir haben dich gehört".

 Keiner argumentiert gegen die Äußerungen eines anderen, jeder vertritt seinen Aspekt. Die Entscheidung erwächst nicht aus einem Für und Wider, sondern aus der Summe der Beiträge.

Im Osten bringen die Heyoehkah Chiefs kreative Ideen in den Kreis, gefolgt von den Peace Chiefs im Südosten, die nach dem Ist-Zustand des Projektes fragen. Im Süden weisen die War Chiefs auf mögliche Gefahren hin, gefolgt von den Medicine Singer Chiefs, die Sinn und Zielrichtung im Blickpunkt haben. Im Westen achten die Women Chiefs darauf, was zur Unterstützung des Kreis und zur Aufrechterhaltung der Team-Balance benötigt wird. Die Council Chiefs verweisen auf die Vernetzung aller Aspekte und achten auf das richtige Timing, während die Hunter/Worker Chiefs effektive Strategien und die Umsetzung der Ideen in Aktion anmahnen. Die Wachhundhäuptlinge achten schließlich im Nordosten auf den Energiefluss im Medizinrad und spüren nach, ob auch wirklich alles ausgesprochen wurde.

"Da die Rollenverteilung im Medizinrad wechselt, geben die Manager ihr egoistisches Ressortdenken mit der Zeit automatisch auf", sagt Eric Vogt, der Mitbegründer von InterClass, einer Vereinigung, in dem sich grosse US-Unternehmen mit dem Ziel der Erforschung von  Organisationsformen zusammengeschlossen haben. Für ihn sind die indianischen Zeremonien der effektivste Weg, ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen und die Arbeitnehmer zu individuellem Wachstum anzuregen. "Das Finden der Entscheidung dauert zwar länger als die herkömmlichen hektischen Schnellschuss-Beschlüsse", sagt Vogt, "hält dafür aber länger." Bis in die siebente Generation - so verlangen es die Altvorderen.

"Schon allein der Gebrauch des Sprechstabes kann die Stimmung in einer Firma zum Positiven wenden und das Leben jedes einzelnen völlig verändern", meint RainbowHawk während er jeden einzelnen Manager mit dem Rauch von Salbei reinigt. Die Stummen lernen plötzlich sprechen und fühlen sich von den anderen gehört und damit respektiert. Wenn die Wurzeln jedes einzelnen freigelegt sind, kann Kreativität  entstehen. Nur wenn jeder im Unternehmen seinen Genius einzubringen vermag, entsteht Ganzheit. Der Kessel der Weisheit wird voller. 

So wie früher die Indianerstämme ein Werkzeug für das Finden von  Entscheidungen brauchten, die das kollektive Wissen der Gruppe widerspiegelten, können heute Firmenclans davon profitieren: Das Medizinrad durchbricht organisatorische Barrieren und öffnet über eine nichtkonfrontative Kommunikation das Bewußtsein für erfolgreiche Entscheidungen.

 Um aus ihrem Unternehmen einen zusammengeschweissten Stamm nach indianischem Vorbild zu machen, lud beispielsweise das Managament des Telekom-Konzerns Lucent Technologies kürzlich mehr als 400 Mitarbeiter aus aller Welt zu einer Medizinrad-Sitzung nach Florida. "Die Leute", erzählt RainbowHawk, "kannten sich nur vom Telefon, jetzt fühlen sie sich als Menschen miteinander verbunden." Die U.S. Air Force schickt inzwischen ihre Soldaten nicht nur auf den Weg des militärischen Drills , sondern auch auf den indianischen "Weg der Schönheit", wie ihn die alten Medizinmänner nennen.

Die World Business Akademy schwört auf die indianischen Überlieferungen und deren  Selbstfindungs- und Harmonisierungsprozesse ebenso wie Superkonzern Honeywell, der Barbiepuppen-Hersteller Mattel oder der Finanzdienstleister McCown und DeLeeuw. Auch Bill Gates, der reichste Mann der Welt, bezeugte seinen Respekt vor der Weisheit der Schamanen: Er liess das Forschungszentrum von Microsoft in der achteckigen Form des Medizinrades erbauen. "Rund 25 Prozent der US-Firmen", so glaubt RainbowHawk, "hören die Winde der Veränderung rauschen".   

"Wie innen so aussen", lautet die Grundphilosophie der Erd-Medizin. Ist der Menschen mit sich im reinen, lebt er in Harmonie mit der Umwelt und kommt in seine Kraft. Die Forschung sieht Anzeichen, daß der moderne Mensch angelehnt an die alten Weisheitslehren eine neue Definition von Erfolg entwickelt. "Es geht ihm", sagt Gerald Celente vom US-Trend Research Institute, "um inneren Frieden sowie Rückhalt durch Familie, Freunde und Community. Künftig stehen Kreativität und spirituelles Wachstum im Vordergrund."

Mit dem neuen Zeitalter wird offenkundig auch die Rückkehr der Kommunen eingeläutet. "Im Team können behindernde Blockaden und  alte Ängste am leichtesten aufgelöst werden", meint denn auch Christoph Santner, der im von Ex-Bundespräsident Roman Herzog gegründeten Initiativkreis Zukunft sitzt. Für den Visionär und Begründer der bayerischen Zukunftsgesellschaft zeigen die bis in die Zeit der Mayas und Inkas zurückreichenden indianischen Weisheiten den Pfad auf, sich selbst ganz neu zu entdecken.

  "Im Kreis spüre ich schnell, wer ich wirklich bin und worin das Hauptziel meines Lebens besteht", erkannte Santner und organisierte im Auftrag eines grossen deutschen Autoherstellers ein indianisches "Dream Camp" um einen "Zukunftsstamm", einen Future Tribe, unter der Führung von RainbowHawk zu kreieren. In einem Casting-Verfahren wurden 24 kreative Menschen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst, Medien und Sozialprojekten ausgewählt, die mit Hilfe der indianischen Rituale, Zeremonien und Techniken richtungsweisende Visionen von einem zukünftigen Leben abseits von Raffgesellschaft, ungehemmtem Egoismus und totaler Profitmaximierung  erarbeiten wollen.

"Der neue Lebenstil sollte geprägt sein von bedingungslose Liebe und Respekt" - das ist die Quintessenz, die der  deutsche Erfinderpreisträger Frank Thalmann aus der thüringischen Provinz aus dem andauernden Zukunftsexperiment Dream Camp zieht. Nur in einer Atmosphäre von Vertrauen und Offenheit im Team könnte Neues entstehen. "Je mehr wir untereinander teilen, desto besser fühlen wir uns".

Was sich wie weltfremde Poesie anhört, hatte bei Ausnahme-Chemiker Thalmann ganz praktische Auswirkungen: Auf seiner Visionssuche in der Wildnis rund um den kalifornischen Zaca Lake nahe Santa Barbara durchzuckten ihn "Lichtblitze", die zu mehreren Patentanmeldungen führten.

In den Chefetagen deutscher Unternehmen hat sich herumgesprochen, daß der Faktor Angst das größte Hindernis zum Erfolg darstellt. "Der daraus entstehende interne Konkurrenzkampf und das Mobbing", schätzt Christoph Santner , "kostet die Firmen hierzulande rund 60 Milliarden Euro pro Jahr."  In einer Welt der Allianzen sind die Firmen aufgerufen, ihr menschliches Potenzial zu erschliessen und verloren geglaubten Grundwerten wie Solidarität und Ehrlichkeit neuen Spirit einzuhauchen.

"Die Unternehmen", regt auch Deutschlands Top-Trendforscher Norbert Bolz an, "müssen sich künftig stärker als Clans, als Stämme verstehen und auch so auftreten." Und für den Direktor des Gottlieb Duttweiler Institutes für Trends und Zukunftsgestaltung Christian Lutz werden "emotionale und soziale Intelligenz sowie Intuition immer wichtiger, weil alle Routinearbeit an die Technik delegiert wird".   

Der weise RainbowHawk hört die mahnenden Worte des weissen Mannes gerne. Der Wunsch nach einer Resozialisierung in der Wirtschaft interpretiert er als das lange erwartete Einsetzen der Winde der Veränderung. "Jetzt sind die Menschen empfänglich für die Traditionen der alten Lehren", sagt er während sich sein ledergegerbtes Gesicht zu einem Lachen öffnet.

 Immer mehr deutsche Firmen vom Finanzdienstleister bis zum Aufzug-Bauer schwören inzwischen auf den Medizin-Weg, auch wenn sich viele erst an den Umgang mit Federn und Räucherwerk gewöhnen müssen. Und zwischen München und Hamburg beginnen sich mehr und mehr Future Tribes um das Lagerfeuer zu scharen.

Überall fordert RainbowHawk, dieser Urenkel der alten Weisen, die Menschen dazu auf, aus ihrer Isolation herauszutreten und sich in Kreisen zusammenzufinden. "Diese Zirkel sollen sich", sagt er. "der Erweckung der alten Traditionen des Ratsfeuers, des Zuhörens und des Respektes, des Bewußtseins vom Wert der Gemeinschaft und dem Leben in Harmonie mit allem Lebendigen widmen".


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