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Die den Drachen reiten

Feng-Shui-Meister sind die wahren Herrscher von Hongkong - Auch in Deutschland boomt die chinesische Kunst der richtigen Gestaltung von Räumen und Gebäuden

Die uralte chinesische Kunst des richtigen Wohnens "Feng Shui" liegt in Deutschland voll im Trend. In Hongkong haben die Meister mit dem Gespür für den Ausgleich von Körper, Geist und Seele längst das Kommando übernommen.

Wie ein Uhrwerk dreht Cindy mit dem Wischmop ihre Runden auf dem schwarz glänzenden Marmorboden der Empfangshalle des "Regent". "Die Drachen", sagt die zerbrechliche Frau mit einem leisen Lächeln, "haben alles naß gemacht und ich muß jetzt trockenwischen."

In dem zweimal zum besten Hotel der Welt gewählten Hongkonger Haus herrscht Heidenrespekt vor mythischen Ungeheuern. Kein Wunder: Just dort an der Südspitze der Halbinsel Kowloon treffen sich der Sage nach neun Drachen zum morgendlichen Bade.

Um die kosmischen Kräfte nicht zu blockieren, ließ das Hotelmanagement zur Hafenseite hin eine Glaswand errichten, 100 Meter lang vom Boden bis zur Decke. "Da können die Drachen durchfliegen", hatte der zu Rate gezogene "Feng-Shui"-Meister gemeint.

"Feng Shui" heißt "Wind und Wasser" und ist die Jahrtausende alte heilige chinesische Kunst des richtigen Plazierens. Um die Drachenenergie anzulocken, so wies der chinesische Weise die Architekten an, müsse ein Springbrunnen an der Auffahrt errichtet werden. Der Eingangsbereich wurde verglast und die Rezeption abgerundet, damit die mystischen Besucher nirgendwo anecken.

Am Ende der Treppe zum Hafenrestaurant ließen die Bauarbeiter drei Hongkong-Dollar-Münzen ein. Deren Nennwerte von fünf, zwei und einem Dollar ergeben zusammen die Glückszahl acht. Das "Regent" ist zu 99 Prozent ausgebucht. "Irgendetwas", freut sich denn auch der sonst so "aufgeklärte" Hamburger Hoteldirektor Thomas Axmacher, "ist an Feng Shui dran. Zumindest bringt es der Seele Frieden."

Das Luxushotel ist keine Ausnahme: Die mächtigsten Unternehmen der britischen Kronkolonie von der Handelsbank der Rothschilds bis hin zur Hongkong und Schanghai Bank schwören auf die Yin und Yang harmonisierenden Fähigkeiten der Feng Shui-Meister. Das "richtige" Pflanzenarrangement, die Position des Chefschreibtisches, des Kassenschalters, die Farbe der Dekoration, die Größe der Windspiele, die Form der Spiegel - alles muß bis ins Detail stimmig sein.

Auch in Deutschland und der Schweiz liegt Feng Shui inzwischen voll im Trend. Immer mehr Architekten jetten ins ferne Asien, um sich bei chinesischen Lehrern fortzubilden. "Denn auch hierzulande", sagt die Vorsitzende des Feng Shui und Geomantie-Verbandes Cornelia Aust, "fordern Bauherren verstärkt die Einbeziehung der alten Lehren in die Planung ihrer Projekte. Sie sind sich im Klaren darüber, daß es Ursachen dafür geben muß, weshalb man sich in dem einen Haus besonders wohl fühlt und in einem anderen gar nicht, weshalb die eine Person sich hier an dieser Stelle besonders harmonisch und beschützt fühlt, eine andere Person jedoch nicht."

Der Hauptgrund für das Bauen nach taoistischen Regeln ist jedoch meist nicht nur ein stärkeres Wohlbefinden oder spirituelle Erleuchtung, sondern knallharte Profitmaximierung. Dabei gehen in Hongkong Materialismus und Mystik wohl die bizarrste Verbindung ein.

"Wer die kosmische Energie Qi mit den Kräften der Erde in Übereinstimmung bringen kann", sagt Meister Koon Lung, "dem winken Glück und Wohlstand." Weil die asiatischen Geschäftemacher nicht genug davon bekommen können, sind der Mittvierziger und seine rund 2.000 mit der Optimierung des Feinstofflichen beschäftigten Kollegen zu den wahren Herrschern der Hochburg des Kapitalismus avanciert.

Für die Nachkommen des chinesischen Philosophen Konfuzius ist es ein rentabler Glücksfall, daß der fette Happen Hongkong nach 150 Jahren britischer Kolonialherrschaft an das kommunistische China gefallen ist. "Die Leute sind verunsichert, suchen unseren Rat", erzählt Lung.

Obwohl mancher westliche Skeptiker von Hokuspokus und Aberglauben spricht, ist Feng Shui zu einem Multimillionen-Dollar-Geschäft geworden. Spekulanten und Investoren aller Couleur quält in der sechs Millionenmetropole die Frage: soll ich kaufen oder nicht? Zur rechten Zeit am rechten Ort sein, um so im Einklang mit dem Universum zu stehen - das ist das Ziel.

Mit der Verunsicherung wächst die Zahl der Scharlatane, die "commercial Feng-Shui" betreiben" und nur einen schnellen Dollar verdienen wollen. Wirkliche Meister wie Koon Lung gibt es allenfalls ein Dutzend.

Der quicklebendige Typ entspricht allem anderen als dem Bild eines klassischen chinesischen Weisen. Statt dürrem Spitzbärtchen und Seidenrobe trägt er Maßanzüge, ein Handy in der Seitentasche und eine modischen Krawatte. Am linken Handgelenk blitzt eine hochmoderne Kompaßuhr und am Gürtel ein schweizer Kompaß. Für Lung und viele seiner Kollegen ist der Computer mit Internet-Anschluß genauso wichtig geworden wie der "Zehn-Tausend-Jahre Almanach". Eine uralte Kunst präsentiert sich in neuem Gewand.

Wie viele Meister übernahm Lung den alten Wissensschatz vom Vater: Familientradition ist alles, denn geschriebene Feng-Shui-Texte gibt es nur wenige. Die Priester und Ärzte wider die Umweltzerstörung reisen regelmäßig zu Vorbildern in China und Taiwan, um ihre "hundert Sinne" zu schärfen. Sensibel und Offen werden für den Qi-Fluß will Lung, erkennen, wo Gebäude den Kreislauf der Erde nicht stören, wo Menschen das glücklichste Leben führen können. Jede Woche pilgert er mit seinen Studenten in die chinesische Provinz, um mit ihnen das Gespür für die Energieflüsse der Landschaft zu verfeinern.

Am Hongkonger Glücksrad drehen selbst die Toten kräftig mit. Auf dem Prominentenfriedhof oberhalb des Fischerdorfes Aberdeen setzt Koon Lung am halbfertiggestellten Grabmal des verstorbenen Immobilienmagnaten Boo man hung mit ruhiger Hand seinen Luopan an. Dieser"kosmische Kompaß" soll ihm die glückverheißendste Ausrichtung des Grabes zeigen. Auf jeden Grad kommt es an - die Nachkommen wollen keine verärgerte Totenseele, weil es ihr Leben negativ beeinflussen könnte.

Mit schnellem Blick studiert Lung die 34 um eine Kompaßnadel angelegten Ringe, die die Einstrahlungsrichtung von positiven und negative Energien anzeigen sollen. "Kunst, gesunder Menschenverstand, Astronomie, Astrologie und Geografie vereinen sich im Feng Shui", erklärt Lung dem ungläubig staunenden Abendländer. Dann kombiniert er bestimmte Eigenschaften und das Geburtsdatum des Verstorbenen mit verschiedenen Richtungen. Die Tochter von Mr.Boo läßt sich die Grabstätte mit dem idealen Ausblick auf die kleine Bucht mehr als vier Millionen Mark kosten.

Selbst die Zusicherung der lokalen Behörden hat sie sich erkauft, daß in den nächsten Jahren kein Hochhaus die Sicht ihres Vaters auf den Hafen verstellen wird. Meister Koon Lung wird für seine Bemühungen um die Ruhe des Verblichenen mit einer fünfstelligen Dollarsumme entlohnt. Nichts fürchten die Chinesen mehr als "geheime Pfeile" oder Sha Qi, die negativen Kräfte des Kosmos.

Die Berliner Feng-Shui-Architektin Karin Elke Bunk entsorgt die schlechte Lebensenergie in den Wohnungen ihrer Klienten oft schon durch das simple Umstellen von Möbeln. "Das reicht meist aus", sagt die Sensitive, "um das Familienleben merkbar zu verbessern." Bei Dachgeschossen bleibt jedoch häufig nur der Rat zum Umbau. So führt ein Stangenwald von Holzpfeilern durch entstehende Energieturbulenzen oft zu Unwohlsein, Müdigkeit und zur Schwächung des Immunsystems.

Sogar die deutschen Bauämter zeigen sich inzwischen von den geomantischen Lehren angetan. "Es muß oft nicht mehr das vorgeschrieben Satteldach sein, um eine Baugenehmigung zu erhalten", sagt Elke Bunk. "Kreativität gedeiht hervorragend unter leicht geschwungenen Dächern, während eine Bank unter einem Flachdach gute Geschäfte macht."

Die Bank of China in Hongkong macht ihren Profit in einem silbrig glänzenden Wolkenkratzer, dessen aggressive Form am Delta des Perlflusses zu einem Feng-Shui-Krieg geführt hat. "Die Kanten des Gebäudes können tödlich wie ein Schlachtermesser wirken ", meint Tim Ng. Für den Jungstar unter den Gelehrten der übersinnlichen Wahrnehmung symbolisiert der Skyscraper im Central-Distrikt wegen seiner großen Fassadendreiecke das Element "Feuer", während die grazilen Hochhäuser rundum dem "Holz" zugerechnet würden. "Holz nährt das Feuer", sagt Ng, "also wollen die Chinesen ihren Nachbarn Energie abzapfen um schnell zu prosperieren."

Um die tödlichen Pfeilen der China-Bank unschädlich zu machen, baute die Citibank ihre unmittelbar angrenzende Filiale in einem Doppelrund. "Da zischt das böse Qi dazwischen durch ohne Schaden anzurichten", sagt Tim Ng. Das teuerste Gebäude der Welt, die Hongkong und Shangai Bank, ging mit drei - wie gigantische Kanonen aussehenden - Fensterwaschanlagen zum Gegenangriff über. Rote Dreiecke an den Spitzen sollen die teuflische Energie auf den Gegner zurückwerfen.

In Berlin ließ Stararchitekt Sir Norman Foster  den Reichstag umbauen, in Hongkong hat er mit dem quadratischen Bankgebäude den wohl aufregendsten Feng-Shui-Bau der Stadt errichtet. Von der Position der beiden Bronzelöwen am Eingang bis zur Winkelstellung der in die Lobby führenden Rolltreppen wurde alles bis ins Detail den kosmischen Bedürfnissen untergeordnet.

Auch die deutschen Unternehmen bemühen längst übersinnliche Fähigkeiten. In der Commerzbank-Filiale der asiatischen Boomtown mußte ein Feng-Shui-Mann ran, als in der EDV-Abteilung ein Mitarbeiter nach dem anderen krank wurde. Nach des Meisters Empfehlung wurde die Eingangstür um eineinhalb Zentimeter breiter gemacht und an bestimmten Stellen Pflanzen drapiert. "Von diesem Zeitpunkt an", erzählt Filialleiter Michael Oliver, "waren wieder alle gesund und munter."

Frank Berweger, der Chef der Lufthansa Cargo AG, erzählt gerne die Geschichte von jenem Aquarium mit acht Fischen, das eine krank darniederliegende Abteilung wieder auf die Beine gebracht haben soll. Und das, obwohl sieben Fische nach einem Stromausfall starben.

Schon um ihre meist chinesischen Mitarbeiter bei Laune zu halten, müssen sich die deutschen Manager mit "Wind und Wasser" auseinandersetzen. Wenn Siemensdirektor Wilhelm Gattinger bei einer der vielen Feng-Shui-Zeremonien das Spanferkel nicht mit einem Messerhieb der Länge nach aufschneiden kann, bedeutet das für seine Untergebenen Unglück. "Bis dato funktionierte es immer", sagt Gattinger grinsend. Die Fingerfertigkeit hilft offenkundig: Prompt verzeichnete Siemens in der Kronkolonie ein Umsatzplus von 50 Prozent.

Bei der Bayerischen Vereinsbank läuft ohne Meister Chong Swan Lek gar nichts mehr. Der aus Singapur stammende 58jährige Chinese spricht nicht nur bei den Grundrissen für neue Filialen mit, er segnet jedes kleinste Detail der Inneneinrichtung ab. "Man spürt bei jeder seiner Entscheidungen, daß er recht hat", sagt Irina Engelke von der Vereinsbank-Bauabteilung.

Um das Wohlbefinden der Vereinsbankangestellten zu steigern, folgt die Diplomingenieurin und Architektin Meister Chong aufs Wort. Als dieser vorschlug, im Empfangsbereich einer Bankfiliale zwei Sessel in blau zu halten und nicht wie alle anderen rot, stimmte sie sofort zu.
Die Machtfülle von Chong ist inzwischen so groß, daß aufgrund seines Rates Mitarbeiter entlassen werden, weil deren Horoskop nicht zur Energie der Bank paßt.

Einmal protokollierte Frau Engelke die Prophezeiung Chongs, wonach zwei Mitarbeiter wegen ihres schlechten Arbeitsplatzes bald kündigen würden. Prompt trat das Geweissagte ein.
 
"Ich glaube", sagt die Architektin begeistert in der Feng-Shui-Sprache, "der Chong reitet den Drachen."

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