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Feuer gibt´s im roten Stuhl

Wie die Designerin Hiltrud Röhl Wohnräume nach der Energie der Bewohner einrichtet - Farben und Formen als Schlüssel zur Selbstfindung


Mit Röntgenaugen scheint sie in die Seele ihrer Kunden zu blicken. Paßt rationelles Mobiliar oder doch die verspielte Couch? Sind Säulen im Wohnzimmer angesagt oder ist's der edle Brunnen? "Von der Farbe der Handtücher bis zum Muster des Geschirrs", sagt Hiltrud Röhl, "sollte alles auf die individuellen Bedürfnisse des Bewohners abgestimmt sein. Erst dann wird das Zuhause zu einem wirklichen Energiespender."

Hiltrud Röhl weiß, wovon sie spricht. Die 50jährige gilt als Geheimtip der deutschen Einrichtungsszene. Sie gestaltet noble Stadtvillen, exklusive Wohnungen und repräsentative Büros für Wirtschaftsmagnaten, Politiker, Künstler und für neu zugezogene betuchte Wahlberliner, die sich in der boomenden Hauptstadt einen repräsentativen Wohnsitz sichern wollen.

Der Perserteppich soll farblich mit dem Ölgemälde harmonieren und das Wohnzimmer im zarten Toskana-Stil mit dem Gemüt des Bewohners. "Die meisten Auftraggeber", hat Innenarchitektin Röhl schnell erkannt, "geben die Verantwortung für die Gestaltung des Interieurs in ihren eigenen vier Wänden nur allzu gerne ab". In welchem Ambiente fühle ich mich am wohlsten? An dieser Frage leiden viele - da soll die Herrin der Formen, Farben und Materialien die Antwort finden.

Am Ende entsteht aus dem simpel erscheinenden Wunsch nach einer stilgerechten Einrichtung unvermutet ein innerer Wachstumsprozess mit elementaren Fragen zur eigenen Identität. "Ich motiviere die Kunden dazu, über die Beschäftigung mit der Wohnungseinrichtung die eigenen Impulse wieder wahrzunehmen und ihre Ziele klar zu definieren", sagt Frau Röhl.

Eigentlich fühlt sich die studierte Innenarchitektin und Designerin deshalb bisweilen auch mehr als psychologische Beraterin und Identitätsstifterin denn als Einrichtungsberaterin. In den USA und England ist diese Art des Interieur-Designers für Haus, Hof und Seele längst zu einem eigenen Beruf geworden.

Hierzulande ist die gebürtige Kölnerin eine Vorreiterin dieser Branche, für die es noch nicht einmal einen passenden Namen gibt. Vielleicht Seelen-Architekt? Oder Ganzheits-Designer fürs neue Jahrtausend? Sei´s drum: Die neue Form des Wohnungs-Komplettservice mit dem Anspruch der ganzheitlichen Betrachtungsweise findet immer mehr Interessenten.

So ließ ein Unternehmen sein extravagantes Hotel "Vier Jahreszeiten" im Prominentenviertel Grunewald von Modezar Karl Lagerfeld gestalten, die privaten Gemächer überließen die Besitzer der Ganzheits-Designerin. Der Welt exklusivster Naturkosmetikhersteller Aveda schwört inzwischen ebenso auf ihren Rat wie die meisten Juwelierläden auf der Flaniermeile Kurfürstendamm.

"Viele Neuankömmlinge in Berlin haben keine Zeit und wissen nicht, wo es die besten Materialien, Gardinen, Stoffe und Handwerker gibt - da springen wir ein", erzählt Röhl. Das Team in ihrer Einrichtungsfirma übernimmt von der Planung über die Ausführung bis zur Bauleitung die Realisierung der gewüschten Objekte. Wie bei einem Hotelzimmer wird dem ungeduldigen Kunden vom Auswählen des Kunstwerks an der Wand bis zum Faxanschluß alles abgenommen. "Ich fühle mich", meint die Frau mit den sensiblen Geschmacksnerven, "wie ein exzellenter Schneider, der einen perfekt sitzenden Maßanzug fertigt."

Die Menschen, ahnt sie, spüren bewußter als früher das individuelle Schwingungsfeld einer Wohnung oder eines Hauses. Der Zusammenhang zwischen einer passenden Einrichtung und dem Wohlbefinden sei in den hektischer werdenden Zeiten deutlicher erkennbar. Vor allem Frauen sind da sensibilisiert und so treffen sie auch meist für die Männer die Entscheidung zur Umgestaltung.

Selbst die betuchte Kundschaft erhält freilich bei der Einrichterin nicht immer das, was sie wünscht, sondern das, was sie braucht. Dazwischen liegen Welten. Nur allzu oft ist es das Image oder ein von der Umwelt beeinflußtes Selbstbild, das einen Bauherren zu einem bestimmten Einrichtungsthema drängt und nicht die innere Stimme. Hält der Kunde stur an seinen Vorstellungen fest, kann es durchaus auch zu einem Scheitern der Zusammenarbeit kommen. "Manchem", sagt Hiltrud Röhl, "ist einfach nicht zu helfen."

Die Wohnungsgestaltung soll mit dem Menschen in Einklang stehen, noch mehr: Sie soll helfen, seelische Blockaden zu lösen und sie soll zur Selbstfindung beitragen. "Wir haben vergessen", merkt Röhl energisch an, "daß die häusliche Atmosphäre die dritte Haut des Menschen ist." Mit dieser Haut gelte es verantwortlich und flexibel umzugehen. Viele würden sich nicht trauen, aus alten, hemmenden Strukturen herauszutreten und etwas Neues zu wagen.

Doch das Neue ist das sich entwickelnde Leben; den Kunden beim Sprung über den eigenen Schatten unter die Arme zu greifen sieht die Interieur-Therapeutin als vornehmste Aufgabe eines Einrichtungsberaters. Vertrauen ist da gefragt. Immerhin geht es um tiefe Einblicke in die Intimsphäre des Kunden. "Ich muß beispielsweise wissen, wohin sein erster Blick nach dem Aufwachen fällt oder welches seine Lieblingsstücke sind", sagt Röhl. Erst wenn sie die Lebensgewohnheiten und das Wesen ihrer Klientel geklärt hat und "seine Wellenlänge fühlt", macht sie sich daran, in das vorgegebene Objekt den rechten Geist zu bringen.

Dieser soll den Bewohner inspirieren und seine Kreativität ins Fließen bringen - wichtig besonders auch bei der Gestaltung von Firmenräumen. Einer braucht gelb-blaue Vorhänge von denen er zugleich beruhigt und angeregt wird, der andere braucht im Büro vielleicht einen roten Schreibtischstuhl, um sich so sein "fehlendes Feuer" zu holen. Diese energetische Sichtweise der Arbeitsplatzgestaltung kann Impulse geben, um ungenutzte Potentiale in der Firma freizusetzen. Nur wenn die Unternehmensstrategien mit den privaten Interessen der Mitarbeiter in Einklang gebracht werden, verbessert sich das Arbeitsklima, glaubt die Innenarchitektin. Zu viele Räume seien beispielsweise "zu cool, zu eckig". Sie rät zu mehr runden Formen, Pflanzen und Brunnen sowie zu Proportionen nach dem in der Natur angelegten Goldenen Schnitt. "Ein uraltes Allheilmittel zur harmonischen Raumgestaltung", glaubt Röhl.

Persönlichkeitsentwicklung über die Einrichtung ist für sie oft ein jahrelanger Prozess. Oft begleitet die Architektin ihre Kunden wie ein Familienmitglied durch die Lebensphasen. "Da kommt es schon mal vor", erzählt sie amüsiert, "daß ein Klient mir sein Haus während der Urlaubszeit zur Verfügung stellt. Motto: Wohnen Sie bei uns, sie kennen von den Schubladen für die Socken bis zu den Geheimfächern ohnehin jedes Eckchen."

Röhl will den Blick und das Gespür für den Raum öffnen und den Fluß der Lebenskraft in den Räumen. Wer fühlt, daß durch eine bestimmte Gestaltung eine spezielle Wirkung erzielt wird, kann seinem Leben eine positivere Ausrichtung geben. "Ich habe im Außen, was im Inneren angelegt ist. Ändere ich das Außen, hat das Rückwirkung auf das Innen."

Weil jeder ein anderes Wohlfühl-Ambiente braucht, hält Röhl nichts von vorgegebenen Interieurs aus einem Guß. So empfiehlt sie der zu Beginn oft auf einen Stil festgelegten Kundschaft spannende Brüche - beispielsweise zwischen Klassik und Moderne. "Es macht wenig Sinn für jemanden ein Haus ganz im modernen Minimalismus zu gestalten, nur weil er irgendwo so etwas gesehen hat und im ersten Moment ganz toll findet".

Um den Klienten vom Abkupfern wegzubringen und ins eigene Empfinden zu führen, ist Einfühlsamkeit gefragt. Schließlich soll er am Ende das Gefühl haben, sein Haus selbst gestaltet zu haben.

"Im Endeffekt", ist sich Hiltrud Röhl sicher, "muß jeder selbst über seinen Schatten springen. Ich kann nur Mut geben und den Rahmen gestalten, in dem die Menschen sich entfalten können.

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