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Wenn Uranus im Wassermann steht

Immer mehr Deutsche glauben in einer Zeit der Orientierungslosigkeit an die Macht der Sterne - Wie die Astrologie zur gefragten Lebensberatung wurde

Mona Riegger tippt flink den Namen ihrer Klientin in den Computer, den Tag der Geburt, die Stunde und Minute und den Ort. Nach einem Tastenbefehl erscheint innerhalb von Sekunden der Schicksalsweg von Elisabeth auf dem bunten Bildschirm. Ein Tierkreis mit kosmologischen Symbolen, durchtrennt von zwei Achsen, aufgeteilt in zwölf Felder. Eine Moment-aufnahme des Himmels zum Zeitpunkt der Geburt - das Horoskop von Elisabeth.

"Sie sollten die in Konkurs geratene Firma ihres Freundes nicht übernehmen", sagt Mona Riegger, die Astrologin, nach eingehender Betrachtung der Planetenstände mit einfühlsamer Stimme. Pluto, der Transformationsplanet, steht zu Mond und Sonne Elisabeths in einem 90-Grad-Winkel. Die Botschaft ist für Mona Riegger klar: Weil der aktuell am Himmel wandernde Pluto gerade den Geburtsmond Elisabeths im sechsten Feld überquert, ist eine tiefgreifende Le-benskrise sehr wahrscheinlich.

Die Sternendeuterin sucht sichtlich nach den richtigen Worten. "Sie sollten", rät sie schließlich nach tiefem Luftholen der Mittdreißigerin, "ihrem Kinder-wunsch nachkommen und nicht vor ihrem schon bei der Geburt angelegten plutonischen Problem flüchten, indem Sie sich die Schwierigkeiten ihres Freundes aufladen." Vom Kopf her wollte Elisabeth schon lange Mutter wer-den, doch der Körper weigerte sich. Jetzt ist die Zeit gekommen, sich ernsthaft mit dem im Unbewußten aufgestellten Stoppschild auseinanderzusetzen.
Die astrologische Prognose kann die innere Qualität eines Entwicklungsprozes-ses aufzeigen, das "Wie" der Problemlösung wird immer dem Klienten selbst überlassen bleiben. Er ist aufgerufen, die Hinweise des Beraters mit seiner inneren Stimme zu prüfen und dann Entscheidungen zu treffen. Elisabeth hört von ihrer Astrologin, daß sie im herrschenden Zeitklima mit Umwälzungen, Reinigungsprozessen (Pluto) zu rechnen habe, die im Zusammenhang mit ihrer Mutterproblematik (Mond) stünden.

Elisabeth, so stellt sich im Gespräch heraus, hatte die Trauer ihrer Mutter über den Tod des ersten Kindes, das ein Jahr vor der Geburt Elisabeths gestorben war, in ihrem Leben fortgesetzt. "Jetzt weiß Elisabeth", erzählt Mona Riegger, "daß sie ihre Verlustgefühle loslassen kann, weil es eigentlich gar nicht ihre eigenen nicht." Die Ratsuchende kann nun leichter die Fesseln ihrer tiefsitzen-den blockierenden Gedankenmuster abstreifen und endlich ihre selbst vorhan-denen Möglichkeiten nutzen.

Eine Prognose kann freilich nie einen Menschen der Verantwortung für sein Tun und Lassen entbinden. Er wird aber aufgrund der psychologischen Hinweise freier, seine ursprünglichen Anlagen und Prägungen in kreativer Art zu nutzen. Voraussetzung dafür ist allerdings, diese Anlagen zu kennen.

Sind diese aber wirklich im Horoskop erkennbar? Ist in dieser Matrix mit den vielen Himmelssymbolen tatsächlich der gesamte Lehrplan für das Leben vor-gezeichnet? Zeigt das Horoskop das Schicksal auf? Immer mehr Menschen sind überzeugt davon, denn die Astrologie ist populärer denn je zuvor in den letzten 300 Jahren.

Obwohl die einstige Königin der Wissenschaften von der heutigen aufs Messen und Beweisen beschränkten Forschergemeinschaft nach wie vor als abergläubi-scher Unsinn abgetan wird, boomt der Astro-Markt zwischen Hamburg und München.

"Wir können", sagt Markus Jehle, der Leiter des Berliner Astro-Zentrums, "die vielen Anfragen nach einer astro-psychologischen Beratung und Ausbildung kaum bewältigen". Während vor kurzem die Menschen noch aus reiner Neu-gierde zu Astrologen liefen, steht jetzt der Wunsch nach praktischer Lebenshil-fe an erster Stelle. Wann verdiene ich wieder Geld? Soll ich meine Freundin heiraten? Ist dieser oder jener Job besser für mich? Was bringt das nächste Jahr? Was ist meine Bestimmung in diesem Leben?

Weil alle sozialen Systeme in der Gesellschaft am Zerbröckeln sind, ist ein Sinnvakuum entstanden, auf das die Kirchen keine Antworten finden. So halten sich viele verunsicherte, auf sich selbst zurückgeworfene Menschen verstärkt an das bekannteste esoterische Weisheitssystem, die Astrologie.

Seit 5000 Jahren glaubt die Sternenkunde eine Antwort auf die Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz zu haben. Für die Astrologie ist der Mensch ein kompliziertes Seelenwesen, das verschiedene Persönlichkeitsanteile mit in dieses Leben nimmt, die oft in innere Konflikte miteinander gera-ten. Vieles vom eigentlichen Potential wird als Folge davon verdrängt und bleibt über lange Zeit unbewußt. "Das Horoskop kann aufzeigen", sagt Jehle, "wann die Zeit reif ist, daß unterdrückte Persönlichkeitsanteile nach Ausdruck in der realen Welt streben."

Bei Bankmanager Walter ist der Tod des Vaters vor wenigen Wochen das Signal nach dem Sinn seines Lebens zu fragen. Mit 39 Jahren gesteht er sich erstmals ein, bei seiner Berufswahl nur dem Wunsch seines übermächtigen Vaters gefolgt zu sein. Nach einer Astro-Beratung ist er entschlossen, künftig Drehbücher zu verfassen und endlich seiner Schreibbegabung nachzugehen.

"Lange Zeit habe ich das Talent in mir gespürt", erzählt er, "als die Astrologin mich dann ohne Hinweis von mir fragte, warum ich nicht schreiben würde, ist der Groschen bei mir gefallen". Das Horoskop sprach eine deutliche Sprache: Als Walter geboren wurde, stand die Sonne zusammen mit der Venus an seinem Berufspunkt im Tierkreiszeichen Zwillinge, da ist nach astrologischen Gesichtspunkten eine schriftstellerische Begabung möglich.

 "Und weil der Pluto am Aszendenten im 90-Grad-Winkel zur Sonne steht", meint die mit allen Wassern gewaschene Deuterin der Planetenkonstellationen, Mona Riegger, "reizen Walter künftig hauptsächlich tiefgründige Themen".

Spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage, was denn die hunderte von Millionen Kilometern entfernten Wanderplaneten des Sonnensystems mit dem Schicksal des Menschen zu tun haben. Die Antwort ist einfach: naturwissen-schaftlich gesehen nichts! Es gibt keine kausalen Zusammenhänge. Der Himmel ist nach Meinung der Astrologen nichts anderes als ein Bezugssystem, das Analogieschlüsse unter dem Motto "Wie oben, so unten" zuläßt. So ist das Auslegen von Tarotkarten oder die Praktik des I Ging für Deutungszwecke nicht "unwissenschaftlicher" oder "abergläubischer" als das mathematisch exakte Erstellen eines Horoskops.

Die Priester im alten Rom veranstalteten Eingeweideschauen und schlossen beispielsweise aus dem Freßverhalten von Hühnern auf die herrschende Qua-lität der Zeit oder deuteten den Flug der Vögel. Damals wie heute entscheidet über die Seriosität einer Deutung charakterlicher Dispositionen und zukünftiger Aufgaben eines Menschen die Fähigkeit, analoge Aussagen von einer Beob-achtungsebene auf eine andere übertragen zu können. Verständlich, daß in der Astro-Branche viel Schindluder getrieben wird und ein Großteil der meist selbsternannten Berater nur vom Leid der Mitmenschen profitierten will. "Mysthisches ist in einer Welt des überbordenden Materialismus eben in", sagt die Leiterin der Prüfungskommission des Deutschen Astrologen Verbandes (DAV), Gertrud Hamers. "Viele Scharlatane springen deshalb auf diesen Zug".

Sie rät Sinnsuchern, sich von einem der rund 170 DAV-geprüften Astrologen beraten zu lassen, um keinen Seelenverkäufern auf den Leim zu gehen. Eine Liste mit den seriösen Beratern ist beim Verband abrufbar. Frau Hamers warnt vor Sternguckern mit der Allmachtsattitüde, sie könnten konkrete Hinweise über das Leben eines Menschen machen oder Ereignisse voraussagen. Astrologen dürften Menschen nicht binden und sie in ihrem Einfluß total begrenzen.

"Die Astrologie arbeitet mit Symbolen und Analogien, deshalb zeigt eine Planetenstellung unzählige Entsprechungen im Lebensalltag an", sagt Gertrud Hamers. Ein hemmende Konstellation zwischen Mars (Impulskraft) und Saturn (Hemmung) kann sich auf der materiellen Ebene beispielsweise als Autoaufprall auf einen Baum oder als Karatekampf ausdrücken oder im seelischen Bereich als schlichter Handlungsfrust, der in konzentrierte Tatkraft umgewandelt werden will.

Beispiel für die verschiedensten Interpretationsmöglichkeiten ist das Horoskop von Bundeskanzler Helmut Kohl. Seine Widder-Sonne steht im 12. Haus. Für klassische Astrologen ist dieser Ort gleichbedeutund für Rückzug, was auf den stark in der Öffentlichkeit stehenden Kohl offensichtlich nicht zutrifft. Moderne Deuter sehen eine andere Analogie: Kohls sei zwar immer in der Öfentlichkeit, sein tiefstes Inneres sei jedoch kaum erschließbar.

Diese Art von Mysterium, die vielen Menschen als Projektionssfläche dient, strahlen übrigens auch die Tennisstars Stefanie Graf und Boris Becker mit ihrer Sonnenbesetzung des 12.Hauses aus.

Immer geht es bei der Deutung um Analogien. Ein Jupiter-Aspekt (Prinzip Wachstum) kann sich beispielsweise als Lottogewinn darstellen oder als Tod des übermächtigen Vaters, der den Horoskopeigner befähigt, innerlich zu wachsen. Ob der Klient beide Ausdrucksformen als Glück empfindet, wie die Astrologie sie sieht, bleibt dahingestellt.

Im Berufsgelöbnis eines geprüften Astrologen heißt es, daß der Berater nie konkrete Prognosen wie das Sterbedatum aussprechen darf. Alle Aussagen, die den Klienten festlegen, ihm gar ein unausweichliches Unheil wie beispielsweise eine Erkrankung oder einen schweren Unfall prophezeien sind untersagt und können zum Ausschluß aus dem Verband führen.

Ratsuchende sollten auch Astrologen meiden, die mit magischen Glaskugeln, Pendeln oder sonstigen okkulten System arbeiten. Während das Horoskop als Matrix für den normal Sterblichen mathematisch nachvollziehbar sei und kein Hexenwerk darstelle, sei die Deutungskunst von Magieren für die meisten nur schwer erschließbar. "Im Endeffekt", meint Frau Hamers, "kann man nur hoffen, daß jeder den Therapeuten findet, den er aufgrund seiner individuellen Bewußtseinsstruktur gerade benötigt." Sie sieht die Astrologie als psychologi-sche Lebensberatung: "Schwer Kranke sind besser bei der Schul- und Natur-heilmedizin aufgehoben. Allerdings kann die ganzheitliche Diagnostik helfen, Krankheiten durch das Erkennen der innerseelischen Motive auf den Grund zu gehen und ihnen vorzubeugen".

Wer auf der Suche nach seinem ureigensten Weg ist, sollte sich auf keinen Fall von Zeitungshoroskopen beeinflussen lassen. "Da ist es besser gleich die Würfel in die Hand zu nehmen", sagt Hamers, "die Chance ist 50 zu 50."

Obwohl die seriösen Astrologen die Zukunftssschau per bunter Gazette rigoros als "Zuckerwürfel-Astrologie" bekämpfen, quillen sowohl Tageszeitungen und vorallem Frauenmagazine vor Tages-, Jahres-, Liebes- oder Partnerschaftsho-roskopen über. "Daß jemand die Sonne im Zeichen Fische oder Widder hat, sagt über sein Schicksal so gut wie gar nichts aus", schimpft Hamers.

Der renommierte Londoner Persönlichkeitsforscher Prof. Hans Jürgen Ey-senck, der sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich mit der Astrologie beschäftigt, sieht gar die Gefahr, daß "Neurotiker auf diese Kolumnen süchtig reagieren können".

Den Menschen scheine es unersättlich danach zu verlangen, betrogen zu wer-den. "Populärastrologie ist ganz unverkennbar Geschäftemacherei, Zeitungen, die sich damit abgeben, sollten sich gründlich schämen".

Wie Umfragen ergaben, glauben viele Menschen, daß Zeitungshoroskope mehr sind als bloße Unterhaltung. "Das Bedürfnis der Menschen, einen Blick in die Zukunft erhaschen zu können, ist riesig", sagt die Berlinerin Nicola Herbort. Die geprüfte Astrologin schreibt regelmässig Horoskopdeutungen für Frauen-magazine, auch wen sie selbst deren Aussagekraft "sehr skeptisch" gegenüber-steht. Sie verdient sich ihr Studium damit, daß sie die Planetenbewegungen aus Sternenstandbüchern (Ephemeriden) abliest, und die sich ergebenden Winkel-stellungen in knackige Deutungssprache umsetzt.

Wenn die Venus im 120-Grad-Winkel zum Zeichen Waage steht, heißt es dann beispielsweise aufbauend: "Die Waage-Geborenen können im April die Sekt-korken knallen lassen". Herbort sieht den Sinn ihrer Prognosen darin, "sehr unsicheren, abergläubischen Menschen Mut zu machen".

Bei dieser Klientel funktioniert das System der wissenschaftlich altbekannten sich selbsterfüllenden Prophezeiung. "Ich wundere mich immer wieder, wenn Menschen anrufen und sagen, meine Aussagen wären alle eingetroffen", erzählt Herbort.

In den Redaktionsstuben von Tageszeitungen drehen meist die Redakteure selbst munter das Schicksalsrad. So wie bei einem schwäbischen Blatt, wo ein Journalist Sinnsprüche zu Tierkreiszeichen im Rotationsverfahren veröffent-lichte. Unseriöse Aussagen sind an ihren "Stimmt-Immer-Effekt" erkennbar: "Eigentlich sind sie kein aggressiver Mensch, aber hin und wieder können Sie ganz schön wütend werden".

Solche obskuren Aussagen sind Wasser auf die Mühle der Naturwissenschaft, die vor allem die Behauptung der Astrologie in Zweifel stellt, daß der Zusam-menhang zwischen Charakter eines Menschen und der Planetenkonstellation beim Zeitpunkt der Geburt auf jahrtausendealter Erfahrung beruhe. "Es gibt keine Geschichtsquelle", meint der Direktor des Berliner Zeiss-Großplanetariums, Prof. Dieter Herrmann, "die dies belegen könnte." Das astrologische Überzeugungssystem sei in einer Zeit entstanden, als der Mensch noch gar nicht gewußt habe, was Sterne überhaupt seien.

 Den Einfluß auf sein Schicksal habe er an den Äußerlichkeiten der Planeten festgeschrieben. So assoziierte er den Einfluß des rot leuchtenden Mars mit Feuer, Blut und Krieg. Für solch archaisches Denken seien heute meist unauf-geklärte Zeitgenossen anfällig.
Neueste Umfragen hätten ergeben, daß wissenschaftlich denkende Menschen weniger astrologiegläubig seien.

Während der Astronom für eine verstärkte naturwissenschaftliche Bildung in Deutschland plädiert, bietet die Astrologie - mit Hilfe zunehmenden Wissens über die Psychologie - ihre Weisheit für den modernen Menschen auf der Suche nach sich selbst an. Inzwischen ist die Deutungskunst soweit fortgeschrit-ten, daß Computerprogramme astrologische Persönlichkeitsanalysen erstellen.

Ein ganzheitliches Verstehen der menschlichen Eigenart ist der Elektronik naturgemäß nie so gut möglich wie einem Analytiker. Dennoch gibt es in der Fülle der Angebote eine psychologische Horoskop-Analyse, in der sich auch kritische Ratsuchende wiederfinden. "Das Feedback auf die Textanalysen des Astro-Dienstes Zürich", sagt Mona Riegger, "ist phänomenal.

Die Neuinteressierten sind richtig irritiert, weil nur auf Grund ihres Geburts-datums und -ortes beispielsweise soviel Stimmiges über die Eltern oder das Partnerbild zu lesen ist."

Die 20seitige Diagnose der Lebensproblematik ist ein guter Einstieg für Astro-Interessierte. Der Nachteil: Aktuelle Themen werden nicht angesprochen.

Viele lassen sich die Analyse in einem neutralen Briefcouvert ohne Hinweis auf den Absender zusenden. "Da gibt es Generaldirektoren", erzählt Mona Riegger, "die haben Angst, durch ihre Verbindung zur Astrologie den Ruf zu verlieren." Doch bald, so meint sie, werde der Gang zum Astrologen wieder zum Alltag gehören wie der Besuch beim Zahnarzt.

Na klar: Bei Uranus im Zeichen Wassermann...

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