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Neues Diagnoseverfahren für Krebs

Dem Tumor auf der Spur

Mit einer Kombination von Röntgen-Schnittbildern und Filmaufnahmen radioaktiver Strahlung im Gewebe können Mediziner jetzt bösartige Krebsgeschwüre von gutartigen Wucherungen unterscheiden. Zudem verrät das System die genaue Lage der Geschwulst – millimetergenau. Das erfreuliche Resultat: Weniger Operationen, besser abgestimmte Therapien und geringere Kosten.


Werner Gerhardt hat Schmerzen in der Leistengegend. Seine Vermutung: „Leistenbruch“. Doch der Schock ist groß, als seine Hausärztin einen geschwollenen Lymphknoten entdeckt, der sich im Ultraschall als bedenklich herausstellt. In einer Operation wird der Lymphknoten entfernt – zu recht, wie die Untersuchung des Gewebes ergibt: Krebs. Doch die Ärzte hegen den Verdacht, dass es sich nur um einen Sekundärtumor handelt. Um den zentralen Herd der Erkrankung zu finden, entscheiden sie sich zu einer intensiven Diagnostik mit Computertomographie, Knochenszintigraphie und Endoskopie.

Das Ergebnis scheint ermutigend: Es ist kein weiterer bösartiger Herd zu entdecken. Zur Sicherheit unterzieht sich Werner Gerhardt einer zusätzlichen Untersuchung mit einem neuartigen Gerät: einem PET/CT. Zu seinem Glück: Das PET/CT entdeckt eine „Zusammenballung“ von drei bösartigen Lymphknoten, die allen anderen Diagnoseverfahren bisher entgangen war. Die nachfolgende Operation und Bestrahlung sind erfolgreich – Werner Gerhardt ist bis heute beschwerdefrei.

„Biograph“ heisst das Gerät von Siemens, das einen wesentlichen Schritt zur besseren Früherkennung von Krebs darstellt und immer mehr Patienten das Leben rettet. Es ist eine Kombination von Computertomographie (CT) und Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Beide Verfahren wurden einzeln auch bisher schon zur Krebsdiagnostik eingesetzt. Neu ist die Verbindung in einem System, das die jeweiligen Schwächen des anderen sinnvoll „ausbügelt.“ Beide zusammen zeigen sich als höchst effektive Einheit, die in der Lage ist, auch kleinste Ansammlungen von Tumorzellen noch aufzuspüren.

Das CT tastet den Körper des Patienten mit einer Vielzahl von Röntgenbildern schichtweise ab. Zusammengefügt ergeben die einzelnen Schichten ein genaues Bild seiner Anatomie. Es liefert präzise Angaben, wo im Körper geschwulstartige Wucherungen auftreten. Die Ergebnisse sagen allerdings nicht aus, ob diese Wucherungen gutartig oder gefährliche Krebsgeschwüre sind.

Hier kann das PET Aufschluss geben. „Beim PET-Verfahren bedient man sich einer Eigenart des Krebsgewebes, nämlicher der, dass bösartig entartetes Gewebe einen erhöhten Zuckerstoffwechsel hat, dass dort also mehr Zucker verbraucht wird“ erklärt Prof. Wolfgang Mohnike vom Diagnostisch- Therapeutischen Zentrum am Frankfurter Tor in Berlin. „Deshalb injiziert man dem Patienten eine radioaktiv markierte Zuckerlösung. Der Apparat, der ähnlich wie ein Minensuchgerät arbeitet, erkennt mit hochsensiblen Detektoren nun, wo sich dieser radioaktiv markierte Zucker vermehrt anreichert. Für die Ärzte der entscheidende Hinweis auf Krebs.“

PET stellt zwar mit hoher Sicherheit den Unterschied zwischen gesundem und krankem Gewebe fest. Es ist allerdings unfähig, Erkenntnisse über die genaue Lage, Tiefe und Größe des krebsartigen Gewebes zu liefern – was wiederum die Stärke des CT ist.

Bisher bestand zwar auch die Möglichkeit, beide Verfahren hintereinander einzusetzen, doch die Kombination in einem Gerät hat viele Vorteile. Für den Patienten verkürzt sich die Untersuchungszeit um die Hälfte auf nur noch 20 Minuten – wer schon einmal in der engen Röhre eines CT gelegen hat, weiss das zu schätzen. Zudem ist die Strahlenbelastung um einiges geringer.
Für die Mediziner zählt vor allem die höhere Genauigkeit der Daten. Bei der Untersuchung mit Einzelgeräten halfen sich die Ärzte bisher mit sogenannten Bildfusionsprogrammen, die die Abbildungen des PET und des CT übereinander legten. „Dabei traten Ungenauigkeiten auf. Besonders bei Untersuchungen im Bauch, Brustkorb- und Beckenbereich war es nahezu unmöglich, den Patienten in den verschiedenen Geräten genau in die gleiche Position zu legen. Mit dem Ergebnis, dass die Tomogramme nicht genau übereinander passten, was die Lokalisierung des Tumors erschwerte“, erläutert Prof. Michael Forsting, Direktor am Zentralinstitut für Röntgendiagnostik am Zentralklinikum in Essen.

Mit dem neuen Diagnosegerät, das beide Verfahren in sich vereint, lassen sich sofort und punktgenau Lage und Ausdehnung der Krebsgeschwulst bestimmen – und zwar bereits in einem sehr frühen Stadium. Das ermöglicht es dem Arzt früher mit der Therapie zu beginnen, was vielfach die Prognose erheblich verbessert. Auch lässt sich der Therapieplan präziser auf den individuellen Bedarf des Kranken einstellen. Weiterer Vorteil für den Patienten: Kein nervenzermürbendes Warten auf die Auswertung - direkt nach der Untersuchung weiss er bereits das Ergebnis.

Auch wirtschaftlich liegt das neue Verfahren vorn: Die Kosten sind um einiges niedriger als eine Untersuchung mit Einzelgeräten. Da außerdem oft andere Untersuchungen wie Darmspiegelungen oder Seismogramme sowie die mit einer falschen Diagnose zusammenhängenden Behandlungen vermieden werden, liegt das Einsparpotential um das Mehrfache unter dem der PET/CT-Untersuchungskosten.

Für den technologischen Durchbruch, der zu dieser Erfindung führte, erhielten die US-amerikanischen Forscher Dr. David Townsend und Dr. Robin Nutt vom Time-Magazine den Preis für die medizinische Erfindung des Jahres 2000. In den USA und in ganz Europa wird das neue Verfahren wegen seiner Vorteile von den Krankenkassen bezahlt, nur in Deutschland und Österreich sind die Versicherungen noch nicht vom konkreten Nutzen überzeugt.
 
Die Zurückhaltung geht zu Lasten der Patienten. Laut einer Studie des PET Centrum Nord in Berlin haben Untersuchungen ergeben, dass nahezu die Hälfte der Eingriffe für ein vermutetes Lungenkarzinom nicht erfolgreich waren. Der Grund: Die Ärzte konnten mit den bisherigen Diagnoseverfahren zwar den Ort einer Geschwulst gut lokalisieren, aber nicht, ob das vermehrte Zellenwachstum tatsächlich Krebs oder einfach harmloser Natur war. Die Folge: Eine von fünf Operationen war nicht notwendig, da die Geschwulst sich als gutartig herausstellte. Die Kombination von PET und CT kann durch eine genauere Diagnose solche überflüssigen Operationen plus der damit zusammenhängenden Kosten – und Schmerzen - verhindern.

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