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“Ich fühle mich wie neugeboren”

Immer mehr ältere Menschen machen Fernreisen – Neue Lebenslust statt Alterslethargie

Irmgard Sager taucht noch einmal in das Meer der Hibiskus- und Aralienblüten im Pool und sagt mit einem seligen Lächeln: "Ich fühle mich wie neugeboren". Mit grazilen Handbewegungen verteilt die 61jährige Lehrerin aus Hamburg dann die roten und weißen Blumen genußvoll auf ihrem Körper. Am schneeweißen Palmenstrand vor ihr treibt eine Gruppe von Elefanten ihre Wasserspiele, während vom indischen Ozean her ein schwüler Wind weht.

Ein singhalesischer Boy bringt ein Tablett mit der täglichen Kräutersaft- und Pillenration. Irmgard Sager schwört nach drei Wochen Ayurveda-Kur im Club Paradise im Südwesten Sri Lankas auf die Naturheilmittel, deren Namen so exotisch klingen wie die tropischen Pflanzen rundum leuchten. Arishta nennen sie die geheimnisvollen Kräuterextrakte und Iramusu, Ranavara oder Mukunuwenna. Nicht nur für eine Pfirsichhaut sollen sie sorgen, sondern für immerwährende Gesundheit.

Was sich wie der Auszug eines Märchens aus Tausendundeiner Nacht liest, gehört inzwischen zum Reise-Alltag deutscher Senioren. Ob Europa, Asien oder Amerika die plus 50 Generation zeigt sich mobil wie nie und entdeckt mehr und mehr auch das Reisen in weitentfernte, exotische Ziele. “In Zukunft”, so prophezeit Johanna Danielsson von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) in Kiel, “wird man kaum noch einen Rentner zu einer Kaffeefahrt in den Harz locken können.”

Die neue Reiselust der Älteren ist mit Zahlen zu belegen: Im Jahr 2000 unternahmen 70 Prozent der über 60-jährigen mindestens eine Reise im Jahr, ein Jahrzehnt zuvor waren es nur 50 Prozent. Bei ihren Untersuchungen stellten die Reiseforscher fest, dass es die Älteren verstärkt in die Ferne treibt.

Die Spätlebens-Lethargie scheint out zu sein und einer neuen Alterskultur Platz zu machen, in der sich der Rentner rüstiger, neugieriger und aufgeschlossener zeigt als je zuvor. Und die Reiseveranstalter spüren, dass mit der früher oft ins Abseits gedrängten älteren Generation klingende Münze zu machen ist.

In seinem Senioren-Programm bietet beispielsweise der Münchener Reiseveranstalter Studiosus Fernreisen für über 65-jährige nach Australien, Chile oder zu den Galapagos-Inseln an. Vor dem Flug erhalten die Kunden nicht nur Informationen zur Landeskunde sondern auch Ratschläge über die richtige Gesundheitsvorsorge.

Damit die Senioren ihre Freizeit auch wirklich geniessen können, bedarf es der berühmten zwei “G”: Gesundheit und Geld. Und in dieser Hinsicht haben die Alten von heute gegenüber denen vor 20 Jahren beispielsweise deutlich die Nase vorn. Die Golden Oldies sind nicht nur körperlich fitter als ihre Vorgänger, sie sind auch die reichste Generation, die je in Deutschland lebte: So beträgt das geschätzte Vermögen der über 60-jährigen rund 400 Milliarden Euro. Tendenz: steigend. Die Auszahlung von weiteren Lebensversicherungen stehen bei vielen an – gute Voraussetzungen, um den Lebensabend in vollen Zügen geniessen zu können.

Was heisst Lebensabend – Lebensherbst und -abend wäre wohl die korrektere Umschreibung. Denn wer heute in Rente geht, hat statistisch gesehen noch zwei bis drei Jahrzehnte auf Erden vor sich.

Viele denken da wie der 65jährige Walter Merk aus Hannover, der sooft wie möglich nach Mallorca in die Senioren-Residenz “Voranova” in die Nähe von Palma düst: “Ich will das beste aus meinem Leben machen”, sagt der frühere Handwerksmeister während er sich am Swimmingpool räkelt und mit einer Gruppe älterer Damen aus Koblenz schäkert.
 
Das Lebensgefühl älterer Menschen unterscheidet sich inzwischen nicht mehr so sehr von dem jüngerer. Untersuchungen ergaben, dass viele aus der Plus 50er-Generation ein Vitalitätsempfinden haben wie eineinhalb Jahrzehnte jüngere Zeitgenossen. “Wir haben keine Lust aufs Abstellgleis geschoben zu werden”, sagt Walter Merk und spricht damit auch den anderen Mitbewohnern in der sonnenumfluteten Senioren-Residenz auf Mallorca aus der Seele.

Sie wollen geniessen, sich verwöhnen lassen und denken nicht daran, das Ersparte den Enkeln zu überlassen. In den letzten Jahren scheint sich eine “Wir sind Wir”-Generation entwickelt zu haben, die das Bedürfnis hat, sich auch nach dem Ende des Arbeitslebens noch “mittendrin” zu fühlen. So knallen im mallorquinischen Seniorenheim beim Flamenco-Abend schon mal die Sektkorken. Highlife ist angesagt.

“Wir machen noch einen drauf, bevor wir abtreten”, so drückt es ein pensionierter Bundeswehr-Hauptmann mit schlohweisem Haar unmißverständlich aus, bevor er mit einem charmanten Johannes- Heesters –Lächeln eine fein zurechtgemacht ältere Dame zum Foxtrott auffordert.

Die neue Lust in alter Schale wirkt beileibe nicht lächerlich – sie ist Ausdruck einer weltgewandteren Lebensweise als sie beispielsweise bei der Vorgänger-Generation herrschte. “Die Alten von heute sind gebildeter und interessierter”, bestätigt Sybille Zeuch vom Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalter Verband (DRV) in Berlin. Im übrigen gilt: Wer in jungen Jahren viel unterwegs war, dem vergeht die Reiselust nicht.

Für den Deutschen Service Ring (DSR) sind Entspannung, Bewegung und Interesse an etwas Neuem die Hauptursachen für Senioren, eine Reise zu unternehmen. Die häufigsten Anforderungskriterien sind dabei Sauberkeit, Sicherheit und Gemütlichkeit und das Gefühl, verwöhnt zu werden.

Vor allem die in die Jahre gekommene 68er-Generation tritt mit forderndem Selbstbewußtsein auf – und wirft mit ihrer über die Jahrzehnte geretteten rebellischen Grundeinstellung überkommenen Vorstellungen über den Haufen – nämlich dass Apathie und Armut die herausragenden Eigenschaften von Menschen in der Abenddämmerung Ihres Lebens seien. Mehr als 30 Jahre nach ihren ersten revolutionären Tat scheinen sie noch einmal auf die Barrikaden zu steigen, um eine neue Alterskultur abseits der leidlich bekannten Kaffee-Kuchen-Fürsorge zu schaffen.

Als Marketing-Zielgruppe bietet sich diese Ego-Generation förmlich an: Denn immerhin haben die 68er den Konsum erfunden. Kein weiß besser, wie man Geld ausgibt. Deshalb verwundert es doch viele Experten, warum die Reisebranche den smarten Senioren insgesamt noch so wenig Aufmerksamkeit schenkt.

Eine wissenschaftliche Untersuchung an der Berliner Hochschule für Künste förderte zutage, dass die Angebote für das attraktive Klientel in “Lesbarkeit, Übersichtlichkeit und Ansprache zu wenig seniorengerecht” seien. In den Katalogen werde zuwenig auf die Bedürfnisse nach Sicherheit, Gesundheit und Komfort eingegangen”.

Den sensiblen Umgang mit der verwöhnten Kundschaft übt der Reiseservice des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Er bietet weltweit Hotels an, die den Bedürfnissen der älteren Herrschaft entgegenkommt. Wie in der mallorquinischen Residenz “Voranova” finden sich in vielen Unterkünften auch behindertengerechte Einrichtungen – von Notrufknöpfen in den Zimmern, über die bequemen Höhe des Badezimmerhockers bis zu den Haltegriffen auf den Toiletten soll alles stimmen.

Wieviel Feinfühligkeit in der Ansprache oft gefordert ist, zeigt die Aussage eines DRK-Sprechers: “Die meisten älteren Kunden finden es gut, im Notfall eine schnelle ärztliche Rundum-Betreuung zu bekommen. Doch wir beschreiben diesen Service in unseren Katalogen nur nebenbei - kein Senior ist scharf darauf, offen auf seine Sterblichkeit aufmerksam gemacht zu werden.”

Solcherlei Zurückhaltung gehört zu den unerlässlichen Spielregeln im Umgang mit der schwierigen Kundschaft. Diese will vergnügt und entspannt leben und nicht an den Tod erinnert werden. Enormes Einfühlungsvermögen ist vor allem bei älteren Mensch nötig, die in ihrer Familie in den Sog der Langeweile und der Einsamkeit geraten sind. Oft ist der Grat zwischen Supersenior und Pflegefall nur sehr schmal.

Wer geistig nicht mehr rege ist, kann nur zu schnell in die gefürchtete Apathie kommen. “Gar mancher ist nicht mehr gewohnt, mit anderen zu reden”, erzählt die Leiterin eines Senioren-Hotels in Bayerischen. Das verbale Überrollen des anderen oder der totale Rückzug sind oft die unguten Folgen.

Wer nicht mehr jung im Kopf ist, hat meist auch Probleme mit dem Körper. Deshalb wird in den meisten Alten-Herbergen zwischen Alpen und Nordsee jede Form von Gehirnjogging vom Bingo bis zum Scrabble angeboten. “Wichtig ist, dass die Menschen etwas miteinander tun, um sich wieder in einem sozialen Verhalten zu üben”, sagt Gitta Rübsaat, die Geschäftsführerin eines Hotels in Bad Mergentheim. Viele ihrer Gäste seien weibliche Singels über 70 Jahre, die eine Ansprache brauchten und auch sonst Handreichungen rund um die Uhr.

Streicheleinheiten für Körper und Seele sind gefragt, stilvolle Abendessen bei Kerzenschein sowie ein altersgerechtes Sport- und Kulturprogramm. Von Kanada bis China, von den Kanaren bis zum Wallfahrtsort Santiago de Compostela scheinen sich die Hotels inzwischen auf den deutschen Senior eingestellt zu haben. Am gefragtesten sind Reisen in kleinen und altersmäßig gemischten Gruppen.

“Die Deutschen”, meint ein spanischer Hotelmanager, “mögen es nicht, nur mit gleichaltrigen ihre Zeit zu verbringen. Gefragt ist die Integration zwischen den Generationen und nicht die Ghettoisierung der Vergangenheit”.

Der Manager jedenfalls darf sich auf einen vermehrten Kundenstrom aus deutschen Landen einstellen. Binnen der nächsten zehn Jahre, so die Prognosen der Tourismus-Branchen, werden rund acht Millionen der 65- bis 75-jährigen Deutschen auf Reisen sein. Erst ab 80 beginnt die Reiselust zu sinken.

Am meisten freilich zieht es die ältere Generation nach wie vor in einheimische Urlaubsorte. Die Nordsee wird laut einer Umfrage des Berliner Reiseveranstalter Verbandes von den über 50-jährigen bevorzugt, die über 70-jährigen zieht es dagegen nach Bayern oder Baden-Württemberg.

Irmgard Sager aus Hamburg freilich schwört nach wie vor auf den Wohlfühl-Urlaub im srilankesischen Ayurveda-Hotel. Steif wie ein Holzbrett sei ihr Rücken gewesen, als sie auf die Touristen-Insel kam, doch nach drei Wochen seien die Schlacken an der Wirbelsäule verschwunden, erzählt sie begeistert.

Die beiden Therapeuten kommen bei der täglichen synchronen Ganzkörpermassage immer tiefer unter ihre Haut. Es scheint, als ob ein Zwei-Mann-Orchester in einem exakt einstudierten Rhythmus auf einem Instrument aus Fleisch spielt. Wie ein öliger Rollbraten liegt die Hamburgerin da. Die Poren der Haut sind weit geöffnet, und das speziell auf sie abgestimmte Kräuteröl kann tief eindringen. Anschließend geht es ins Kräuterdampfbad, wo die zuvor gelockerten Giftstoffe ausgeschwitzt werden.

"So", haucht Irmgard Sager tief entspannt, "habe ich mir mein Rentner-Dasein immer vorgestellt”.

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